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Rezension: Belletristik : Was ist los mit dem Zauber von Oz?

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Zur Neuausstattung eines amerikanischen Klassikers

          Ein Buch vielleicht noch, versprach L. Frank Baum im Vorwort des fünften Bandes seiner Serie um die junge Heldin Dorothy und ihren kleinen Hund Toto im zauberhaften Land Oz, aber dann müsse Schluß sein. Doch seine jungen Leser gaben keine Ruhe, baten, bettelten, schrieben Briefe und entwarfen sogar neue Charaktere für den modernen Märchenautoren, bis er ein ums andere Mal nachgab. Als Baum 1919 im Alter von 63 Jahren starb, hatte er vierzehn Bände über das kleine Reich zwischen den vier riesigen Wüsten geschrieben - und damit ein gewaltiges Universum verwunschener Landschaften, reizender Städte und entzückender Figuren geschaffen, dessen Einfluß auf die angloamerikanische Populärkultur unseres Jahrhunderts gar nicht überschätzt werden kann. Bei uns hingegen brachte es allenfalls der erste Teil, "Der Zauberer von Oz", zu einigem Ruhm, aber wiewohl das Buch in einer ganzen Reihe respektabler und nicht ohne Witz illustrierter Ausgaben aufgelegt wurde (1988 sogar mit Zeichnungen von Janosch), prägt hierzulande nach wie vor die Verfilmung von 1939 mit Judy Garland in der Hauptrolle das Bild, das wir von Oz und seinen skurrilen Bewohnern haben.

          Jetzt nahm sich die österreichische Künstlerin Lisbeth Zwerger den Text vor. Seit fast zwanzig Jahren illustriert sie Kinderbücher, 1990 wurde ihr für ihr Gesamtwerk die Hans-Christian-Andersen-Medaille verliehen, die höchste Auszeichnung für Kinderbuchautoren und -künstler. Der zarte Aquarellstil findet in den Wesen aus Oz seine Vollendung. Schon früher wirkten viele ihrer Geschöpfe durch die oft gewaltigen Körper und die fast immer viel zu langen und vor allem viel zu dünnen Gliedmaßen wie Marionetten, die eher über die Seite staksten. Selten aber traf sie damit Charaktere überzeugender als nun die unförmige, mit Stroh gefüllte Vogelscheuche, die sich vom "Zauberer von Oz" den Verstand wünscht, den sie längst besitzt, den blechernen Holzfäller, diese angerostete Gliederpuppe, die so gerne ein Herz hätte und es doch ebenfalls längst hat, schließlich den ängstlichen Löwen, der vor dem kleinsten Hund entsetzt in die Höhe springt, weil er sich seines eigenen Mutes nicht bewußt ist. Die resolute Dorothy, die sie auf ihrem Initiationsweg über die gelbe Backsteinstraße begleitet, wirkt dagegen fast ein wenig blaß und an den Rand gedrängt. Zu stattlicher Größe gelangt sie erst am Schluß: Wenn sie die Absätze ihrer verzauberten Schuhe zusammenschlägt und durch den Himmel zurück nach Kansas fliegt, auf die Farm zu Onkel und Tante.

          "Der Zauberer von Oz" ist ein bezauberndes Buch, zumal in dieser Ausstattung. Dennoch wollte der Verlag offenbar diesen Reizen allein nicht trauen. Auf der Schlußseite steckt deshalb eine Brille mit grünen Gläsern, wie es Pflicht ist in der Hauptstadt von Oz, der Smaragdenstadt, sie zu tragen. Kleine Symbole am Seitenrand zeigen, wann der Betrachter sie aufsetzen soll. Doch auf einen Effekt hofft man vergeblich. Die Bilder erhalten einen Grünschimmer, mehr nicht. FREDDY LANGER

          L. Frank Baum: "Der Zauberer von Oz". Ill. von Lisbeth Zwerger. Übers. von Alfred Könner. Michael Neugebauer Verlag, Gossau 1996. 103 S., geb., 39,80 DM.

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