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Rezension: Belletristik : Was ich mit dem Auge lese, das kann ich auch mit dem Ohre hören

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Buchstabenwelten von Karl Philipp Moritz bis Nadia Budde: Die Fibel verschwindet aus den Klassenzimmern, jetzt kommen die ABC-Bücher von überall her

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          Die wahre Wissenschaftslehre jeder Wissenschaftslehre hat Jean Paul in "Leben Fibels" das Alphabet genannt. Die Buchstaben sind die symbolischen Bausteine von Mikrokosmos und Makrokosmos. Zugleich sind sie elementarer Lerngegenstand. Daher begegnen über dem Abc-Buch seit jeher Philosophen, Theologen, Dichter und Künstler den Kindern, die das Lesen lernen. In diesem Jahr haben sich viele zu solchem Treffen eingefunden. Es scheint, dass im selben Maß, in dem die Schule sich von den Büchern und Fibeln entfernt, der Kinderbuchmarkt sich des aufgegebenen Terrains lustvoll annimmt. Das eindrucksvollste der Abecedarien erscheint allerdings nicht in einem Kinderbuchverlag, sondern bei Antje Kunstmann: Karl Philipp Moritz' "Neues Abc-Buch", zuerst erschienen 1790, neu illustriert von Wolf Erlbruch und mit einem informativen Nachwort von Heide Hollmer.

          Moritz war nicht nur Philosoph und Mitbegründer der empirischen Psychologie, er war auch ein engagierter Pädagoge. Sein Abc-Buch legt von seinen didaktischen Fähigkeiten glänzendes Zeugnis ab. Die Bildunterschriften, die sich paarweise reimen, ergänzt er, der emblematischen Tradition folgend, durch kurze auslegende Texte. Sie bestehen aus einfachen Sätzen, die erzählen, fragen, beschreiben, erklären. Die Rede wechselt mühelos zwischen Gegenständen, Handlungen, behutsamen Abstraktionen und prägnanten Lehrsätzen. Moritz verbindet sprachliches und sachliches Lernen, wie Comenius in seinem "Orbis pictus", aber er entwirft seine Welt in 25 Buchstaben nicht mehr als Buch Gottes, sondern als eine Philosophie vom Menschen. Er beginnt mit den fünf Sinnen, mit denen alles Lernen anfängt. Das Sehen als der höchste Sinn bildet sich jedoch nicht an den realen Dingen, sondern im Buchstabieren und Lesen. Das Buch ist die Welt, in die der Lernende sich versenkt. Gehör, Geruch, Geschmack und Gefühl öffnen auch physikalische Erfahrungsräume. Lernen und Denken werden thematisiert, weiterhin die Beziehung und der Unterschied zwischen Mensch und Tier, Kleidung und Wohnung. Ein moralisches Zwischenspiel weist darauf hin, dass Pracht und Überfluss nicht notwendig sind. Am Ende kommen die letzten Dinge zur Sprache: Tod, Vergänglichkeit, Zeit und wieder das Wichtigste, der Mensch. Die Pflanzen, etwa Ysop und Zeder, mögen ungleich sein, die Menschen sind gleich, ob hoch oder niedrig. Keiner hat das Recht, einen anderen gering zu schätzen. "Denn es ist die höchste Würde, ein Mensch zu sein." Die Würde des Menschen zieht sich als Leitmotiv durch das Buch  - ein Grundlagentext zum klassischen Bildungsentwurf und zur demokratischen Erziehung.

          Wolf Erlbruch kombiniert in seinen Tafeln all die didaktischen Medien der alten Schule, Papiere mit Rechenkaros und Linien, mit Texten in altdeutscher Schreibschrift, mit Zahlenkolonnen und geometrischen Zeichnungen. Seien es Warenkataloge, Gebrauchsanweisungen, Landkarten oder physikalische Diagramme, er montiert, zitiert, stempelt, zeichnet mit Kreide auf schwarzen Tafelgrund, mit Blei- und Buntstift, schneidet aus und klebt zusammen und setzt für die Wildnis des Feuers und des Waldes den Pinsel und die pastose Farbe ein. Die meisten dieser Techniken sind aus seinen früheren Bilderbüchern vertraut. Aber erst hier wird der emblematische Charakter seiner Illustrationskunst deutlich: Mit den Zeichnern der Sinnsprüche und Devisen teilt er die Lust an der Kombination des Heterogenen, am Schrifthaften der Zeichnung, an Rebus und Rätsel. Seine Tafeln wollen entziffert werden, sie sind Inszenierungen des Zeigens wie Max Ernsts Loplop-Bilder, und sie haben wie diese einen Bodensatz des Geheimnisvollen und Absurden, der den wunderlichen Zusammenstellungen entspricht, die die alphabetische und enzyklopädische Ordnung hervorbringt.

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