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Rezension: Belletristik : Was für Franz gut ist

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Schmusen im Netz: Sylvia Brownriggs Roman "Keusch wie Eis"

          3 Min.

          Im Jahre 1991 verwüstete ein Großfeuer einen Stadtteil von Berkeley. Sylvia Brownrigg nimmt die Katastrophe in ihrem ersten Roman zum Anlass, den Albtraum aller Doktoranden zu inszenieren. Emily Piper, die im Bekanntenkreis auf das Kürzel Pi hört, ist ins Schwimmbad gefahren. Während die dreißigjährige Philosophin entspannende Runden im Pool dreht, frisst sich das Feuer durch ihre Wohnung. Die geliebte Katze, die nahezu vollendete Dissertation über Immanuel Kant, die kleine Privatbibliothek voller Anstreichungen: ein Raub der Flammen. Pi ist abgeschnitten von allem, was ihr Leben ausmachte, inmitten der verschonten Kommilitonen fühlt sie sich wie eine Verbannte. Sie flüchtet aus der Universitätsstadt und verkriecht sich in einem kleinen Ort an der kalifornischen Küste.

          Eines Tages treibt ihr die Flaschenpost einer verwandten Seele vor die Füße. Eine Online-Flaschenpost, versteht sich. JD, die männliche Hauptfigur, lässt sein Tagebuch im Internet dümpeln. Er hat seine Arbeit verloren, er ist (mit dieser Formulierung macht die Autorin die Paralellen zum Schicksal Pis schlagartig klar) "gefeuert" worden. Bei seinem in Fortsetzungen geschriebenen "Nachtbuch" handelt es sich um ein Lamento auf den Spuren Salingers; bald bildet sich eine Fan-Gemeinde um die "kultigen Seiten im Internet". Der junge Mann ist sensibel, ein bisschen von allem beleidigt und redet fortwährend davon, sich umzubringen. Seine Depression verträgt sich gut mit amüsierten Betrachtungen über den amerikanischen Lebensstil, über die Therapie-Kultur und die verzwickten Scheidungskrisen im Bekanntenkreis, über die um ihn besorgten Familienangehörigen. Diese vermuten hinter JDs "quälenden Selbstzweifeln" banale Ursachen. Also organisiert man eine Verkupplungsparty, wo er sich zwischen den beiden jungen Literaturwissenschaftlern Susie und Paul - letzterer arbeitet an einer "Studie über die schwulen Aspekte von Spensers Dichtung" - entscheiden soll.

          Aber bei aller Bisexualität bleibt er lieber allein. Pi, die solche Episoden am Bildschirm liest, ist fasziniert. Ein Liebesroman jenseits bloßer Libido kann beginnen. Sie schreibt E-Mails an JD und bahnt sich den Weg durch die virtuellen Fan-Scharen, durch das "stumpfe Volk, das in einem fort nur chatten wollte". Das Internet ist neu, aber die Romantik, der es hier dient, ist uralt: "JD war anders, und sie hatte den Eindruck, dass sie ihn schon lange kannte." Dieses Gefühl von Exklusivität ist seit je die Keimzelle aller Liebesgeschichten. Der Liebesroman feiert das Subjekt, und das macht ihn in einer Epoche, die gern über dessen Verschwinden philosophiert, zu einer trotzigen Gattung. Die neueste Technik regeneriert bei Sylvia Brownrigg eine Form, die Literaturhistoriker für ausgestorben gehalten hatten. Die "keusche" Internet-Romanze von Pi und JD ist über weite Strecken ein Brief-Roman wie zu Werthers Postkutschen-Zeiten. Unter den Codenamen Sylvia Plath und Hamlet wechseln die beiden, die sich nie zu Gesicht bekommen, verschmuste Mails.

          Der Brief ist das Gefäß der Seele, die Aussprache des Gefühls ermöglicht eindringliche Charakterzeichnung. Das wird dort zur Gefahr, wo nicht viel Charakter zu zeichnen ist. Die viel versprechende Exposition des Romans bediente sich des lockeren angloamerikanischen Story-Tons, den die Autorin in einer von der Kritik gerühmten Erzählungssammlung erfolgreich erprobt hatte. Bald nach Einsetzen des Briefverkehrs wird deutlich: Die weiten Kostüme von Sylvia Plath und Hamlet schlottern um zwei Durchschnittsseelen, die von Seite zu Seite mehr verarmen. Die beiden Dreißigjährigen gefallen sich in einem Jargon, der an jenes Imitat von Jugendsprachen erinnert, mit dem sich seriöse Institutionen wie Kirchen oder Banken bisweilen bei jungen Menschen einschmeicheln zu müssen glauben. Menschheitsfragen werden durchgeschwatzt. Pi behauptet zwar, mit der Philosophie abgeschlossen zu haben; die Namen der Denker gehen ihr aber nach wie vor leicht über die Lippen: "Bei Kant fand sie . . . einen Hauch neuer Möglichkeiten. Für Pi war Kant ein Romantiker." Kostproben dieser Art hinterlassen den Eindruck, dass sich der philosophische Schaden des Feuers von Berkeley im Rahmen hält.

          Wie schon die großformatigen Internet-Idenditäten zeigen, wenden Hamlet und Sylvia bei jeder beliebigen Gelegenheit die Weltliteratur auf die eigene Lebenssituation an. "Die Verfolger sind mir auf den Fersen", schreibt JD von unterwegs, "also fliehe ich vor ihnen wie Humbert (allerdings ohne Lolita-Sex)." Oder: "Franz K. war Junggeselle, und was für Franz gut war, reicht mir allemal." Irgendwann scheut der Junggeselle vor den schwärmerischen Liebeserklärungen zurück und bricht den Kontakt ab. Pis Suche nach dem wirklichen JD, die in einer Deus-ex-Machina-Katastrophe mündet, bildet das Finale des Romans. Leider stehen der Autorin und ihrer Heldin für die Schilderung der jetzt erst richtig angefachten Sehnsucht - die satirischen Seitenblicke auf die Psychoanalyse bleiben in eigener Sache offenbar wirkungslos - nur Therapie-Sprechblasen zur Verfügung: "Verlustängste sind wieder nach oben gekommen, wie ich sie nach der Scheidung meiner Eltern nicht mehr hatte." Auch die Reflexionen über das Internet beschränken sich auf Dürftigkeiten: "Eines Tages wird jemand beschreiben müssen, wie dieses Medium die Beziehungen zwischen den Menschen verändert hat." Das euphorische Klischee einer Verjüngung der Literatur im Internet wird von der Qualität dieses Romans nicht bestätigt.

          WOLFGANG SCHNEIDER

          Sylvia Brownrigg: "Keusch wie Eis". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Christiane Seiler. Fest Verlag, Berlin 1999. 488 S., geb., 44,- DM.

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