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Rezension: Belletristik : Was die Raben sagen

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Johann Peter Hebels Weltgebäude · Von Hans-Jürgen Schings

          6 Min.

          "Die Weltschöpfung begann. Der Erdball lag vor mir, über und über mit Lehm bezogen. Jetzt auf einmal mit Moos. Dammerde hatte sie erzeugt. Da kam ein freundlicher alter Mann und sagte: Es ist Zeit, daß wir Heublumen hineinsäen." Wohl dem, der so träumen kann wie der Gymnasialprofessor, Theologe und Kalendermacher Johann Peter Hebel. Hatte nicht Goethe von ihm gesagt, er "verbauere" das Universum? Das meint mehr als volkstümlich-rustikalen Bildersinn. Dieser Mann fühlt sich in der Schöpfung zu Hause. Das dringt bis in den Bau seiner Prosa ein. Große Leser haben ihr Entzücken darüber nie verhehlt.

          Elias Canetti bekannte, er habe kein Buch geschrieben, "das ich nicht heimlich an seiner Sprache maß". Als er dem Rezitator Ludwig Hardt begegnet, zieht der aus seiner Rocktasche eine kleine Ausgabe von Hebels "Schatzkästlein" und präsentiert die handschriftliche Widmung: "Für Ludwig Hardt, um Hebel eine Freude zu machen, von Franz Kafka". Hardt trägt noch einmal auswendig die Stücke vor, die auch Kafka von ihm gehört hat, am Ende "Unverhofftes Wiedersehen". Er kennt Kafkas Kommentar: "Das ist die wunderbarste Geschichte, die es gibt." Schon Goethe, der die Geschichte gern und mit Rührung vorlas, äußerte sich ähnlich.

          Eine andere Geschichte, die Kafka besonders liebte, "Einer Edelfrau schlaflose Nacht", beginnt so: "Es ist nichts lehrreicher als die Aufmerksamkeit wie in dem menschlichen Leben alles zusammenhängt, wenn man es zu entdecken vermag zum Beispiel Zahnschmerzen und das Glück eines Ehepaares, und wie selbst das was unrecht und verboten ist, wieder gut gemacht werden kann, wenn's an den rechten Mann oder an die rechte Frau kommt . . ." Aufmerksamkeit ist die Mutter des Genies, pflegt das achtzehnte Jahrhundert zu sagen und meint es nicht nur pädagogisch. Wohlwollend und entdeckerisch führt das Ingenium des "rheinländischen Hausfreunds" die von Zahnschmerzen geplagte Edelfrau mit der Not eines jungen leibeigenen Paars zusammen, das nicht heiraten darf und ein Kind bekommt ("Einmal vergaßen sie sogar die Zukunft, und meinten es sei jetzt"), bis die Worte der Edelfrau den Erzähler schier übermannen: "Meint man nicht, man hörte den lieben Herr Gott reden in den Propheten oder in den Psalmen? Ein Gemüt das zum Guten bewegt ist, und sich der Elenden annimmt, und die Gefallenen aufrichtet, ein solches Gemüt zieht nämlich das Ebenbild Gottes an, und fällt deswegen auch in seine Sprache." Erst Bloch war von dieser Stelle überwältigt. Nie würde es dem Hausfreund einfallen, er rede da von sich selbst. Doch auch er weiß so zu sprechen wie ein Eingeweihter der Schöpfung.

          Das "Schatzkästlein des rheinischen Hausfreunds", das der erfolgreiche Kalendermann 1811 herausbringt, eine Sammlung von Stücken, die er seit 1803 für die offiziellen Kalender des Landes Baden geschrieben hat, eröffnet, kalenderüblich, eine "Allgemeine Betrachtung über das Weltgebäude". Wie ein Dach wölbt sie sich auch über die Kalendergeschichten und gibt dem "Hausfreund" seine Rolle vor: "Der Himmel ist ein großes Buch über die göttliche Allmacht und Güte, und stehen viel bewährte Mittel darin gegen den Aberglauben und gegen die Sünde, und die Sterne sind die goldenen Buchstaben in dem Buch. Aber es ist arabisch, und man kann es nicht verstehen, wenn man keinen Dolmetscher hat. Wer aber einmal in diesem Buch lesen kann, in diesem Psalter, und liest darin, dem wird hernach die Zeit nimmer lang, wenn er schon bei Nacht allein auf der Straße ist, und wenn ihn die Finsternis verführen will, etwas Böses zu tun, er kann nimmer."

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