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Rezension: Belletristik : Wallfahrt mit Kierkegaard

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Exilant im Reich der Therapie - David Lodge entflieht der kleinen Welt der Akademiker Von Lothar Müller

          4 Min.

          Zu Recht ist der englische Romanautor und Literaturprofessor David Lodge berühmt dafür, daß er die größten Themen kleinkriegt. Wie ein versierter Barpianist läßt er im Parlando seiner Bücher die rhythmischen Standards und traditionsreichsten Motive der europäischen Romantradition nur anklingen, um ihnen sogleich alle Schwere zu nehmen. Gern gibt er Moll-Standards in perlendem Dur. Zu seinen witzigen Glanznummern gehört die Verwandlung von spröden Literaturtheorien in schmachtende Ohrwürmer.

          Ist es Zufall, daß Lodge in "Changing Places" (1975; auf deutsch "Ortswechsel", 1995) seine Variationen zum Genre des Campusromans mit dem Bäumchen-verwechsel-dich-Spiel zweier Jane-Austen-Spezialisten eröffnete? Wohl kaum. Jane Austen ist eine Großmeisterin der literarischen Physiologie des Geschwätzes. Lodge läßt die "Small World" (1984) der Akademiker aus den Verbrennungsrückständen ihres Small talk aufsteigen. Seinen Literaturwissenschaftlern, die den jeweils neuesten Theorien im Westen nachhecheln, ist er als listiger Igel im Erzählen stets voraus. Nur zum Spaß setzt er die Tarnkappe des hochtrainierten modernen Romanciers auf, der alle avancierten Tricks beherrscht und sich am Ende in selbstreferentiellen Endlosschleifen verflüchtigt. In Wahrheit lebt er als Erzähler im Herbst des alten Handwerks.

          Seinen Erfolg aber verdankt er mindestens so sehr der Treue zu den Gesetzen der Komödie wie dem Spiel mit der Romantheorie. Aus den Romanen "Small World" und "Nice Work" (1988, auf deutsch "Saubere Arbeit", 1992) wurden die Fernsehserien, die in ihnen stecken. In seinem jüngsten Roman läßt David Lodge die Literaturprofessoren fahren und ihren heimlichen Herren, den Komödienschreiber, seinen ersten großen Auftritt haben. Zwar arbeitet seine Ehefrau als Dozentin für Psycholinguistik an der Universität, aber das ist nur ein leiser Abschiedswink in Richtung Campuswelt. Laurence - genannt "Tubby" - Passmore selbst kann sich unter Sallys Fachgebiet nur zur Not irgend etwas vorstellen. Er ist achtundfünfzig Jahre alt, Autor der erfolgreichen "Sitcom"-Fernsehserie "Die Leute von nebenan" und herzhaft ungebildet.

          Wie die Akademiker der früheren Romane lebt er in "Rummidge", das Lodge Birmingham nachempfunden hat. In ihrer Welt verkehrt er nicht. Regelmäßig ist er bei den Aufzeichnungen seiner Sendung dabei und hat mit den TV-Produzenten zu tun. In London hat er eine Zweitwohnung nahe Charing Cross und eine platonische Geliebte, die Casting-Virtuosin Army. Kniegelenkschmerzen und leichte Depressionen hat er überall. Montags geht er zur Physiotherapie, dienstags zur kognitiven Verhaltenstherapie und freitags abwechselnd zur Aromatherapie und Akupunktur.

          Tubby Passmore aber ist nur am Rande der Held einer Satire auf Therapien und Therapeuten. Er ist vor allem der Sitcom-Autor, der in seinem Leben wie in einem Slapstick herumstolpert, den er selbst verfaßt hat. Seine Frau verläßt ihn trotz des vollkommen intakten ehelichen Liebeslebens einfach deshalb, weil er ihr auf die Nerven geht. Den vermeintlichen Nebenbuhler erwischt er im Bett nicht mit Sally, sondern mit einem Mann. Der Scheidungsclinch wird nach den harten Regeln des Catchens geführt. So weit, so gut.

          Nicht von ungefähr schreibt Tubby auf Geheiß seiner Verhaltenstherapeutin ein Tagebuch. Lodge brennt darin ganze Bündel kabarettistischer Wunderkerzen über British Railway, den National Health Service, die Unannehmlichkeiten des Londoner Alltags und die Produktion von Fernsehserien ab. Die vorzügliche Übersetzung läßt sich keinen Funken dieser auf Pointe gestimmten Formulierungen entgehen. Den Leser aber beschäftigt zusehends die Frage, ob es David Lodge auf Dauer mit seinem ungewohnt unakademischen Helden aushält.

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