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Rezension: Belletristik : Von Menschen und Mimosen

  • Aktualisiert am

Francesco Biamonti läßt Liguriens Landschaft sprechen

          4 Min.

          "Was wollen uns die Mimosen sagen?" ist man versucht zu fragen, wenn ein Mimosenzüchter Romane schreibt. Es scheint, als ob Francesco Biamonti, in Kenntnis der Dinge, mehr von ihrer Menschenähnlichkeit weiß als üblich. Sinnpflanzen werden sie wegen ihrer Sensibilität genannt, sich bei Erschütterung, Berührung oder Dunkelheit schnell zu verschließen. Doch ganz so schamhaft (mimosa pudica) können ihre Motive nicht sein. Davon zeugt ihr Namensvetter, der Mimus. Zeigen, Verbergen, darin ist ein reizvolles Spiel der Übergänge angelegt. Und wenn es an der Geschichte Biamontis, "Die Reinheit der Oliven" (wie sie im Deutschen etwas irreführend heißt), etwas "Mimetisches" hervorzuheben gibt, dann ist es dieser Sinn für Grenzen.

          Schauplatz ist die Grenzregion Liguriens zwischen Bordighera und Ventimiglia. Oben, auf den felsigen Hängen, das schwer zugängliche, eher verschlossene, sich verbergende Leben vereinzelter Dörfer und verstreuter Häuser; unten das Meer, sein weiter Horizont, Verkehr, das Transitorische. In diesen Raum kehrt Leonardo zurück, man weiß nicht, warum und woher. Andere Figuren kommen hinzu, ein französisches Ehepaar, alter Mann, junge Frau, mit den seit Boccaccio bekannten Konsequenzen; ein anderes Paar; ein ehemaliger französischer Colonnel; von Zeit zu Zeit ein Maler, der das richtige Licht sucht, da und dort Leute aus der Gegend, eine zugängliche Bedienung. Sie alle finden sich hier ein, weil sie Grenzgänger zwischen ihrer Vergangenheit und der Gegenwart sind. Das Leben hat sie verschlossen; und nun suchen sie nach dem, was sie in ihrer Blüte einmal waren oder sein wollten.

          Daraus entwickelt sich eine Geschichte, die keine ist, weil weder aufgeht, was die Vergangenheit verbirgt, noch die Gegenwart zu etwas führt: sie hört nach 212 Seiten auf, könnte aber genausogut weitergehen. Gewiß, es gibt, diskret, Sexuelles; Leonardo wird am Bein angeschossen; ein verborgener Fluchtpunkt hätte 1945 sein können - damals haben die Franzosen das Gebiet Leonardos befreit und sich offenbar nicht als Sieger, sondern als Nachbarn gezeigt. Doch dies löst die Knoten der Charaktere nicht. Keiner rückt mit der Sprache heraus; ihre Geschichte bleibt unerzählt.

          So verbringen sie ihre Zeit damit, sich durchs unwegsame Gelände auf und ab zu bewegen; sich zu treffen, zu verlassen, zu trinken und zu essen; sich in Andeutungen zu ergehen. Wenn es einen geheimen Ruhepunkt der ruhelosen Gestalten gibt, dann die unausgesprochene Überzeugung, daß früher alles besser war. Doch selbst die erdnahe Mittelmeervegetation konnte davon nichts bewahren. Ihre abgeschiedene Idylle hat sie gerade anfällig gemacht für ihre Perversion: Das Grenzgebiet ist Bühne der klandestinen Völkerwanderung in Europa. Das Land hat darüber seine Unschuld verloren und sich, wie eine dornige Mimose, den Erwartungen verschlossen, die sich einst mit ihr verbinden ließen.

          Was soll man da also tun? Die Figuren flüchten sich in Ersatzhandlungen. Zur Hauptperson avanciert dadurch die Landschaft. Wenn etwas über die Charaktere zu erfahren ist, dann aus ihrer "Kompenetration" mit der Natur, wie Calvino dem Autor schrieb, als der ihm seinen ersten Roman zusandte. In ihm dominierten Fels und Stein; im zweiten Werk der Wind, im dritten ("Die Erwartung") das Meer und jetzt das Spiel des Lichtes. Wenn die flüchtigen Konversationen - es wird fast nur geredet - sich an jemanden wenden, dann an die wortlose Landschaft ringsum. "Das ist der Baum, mit dem ich am liebsten spreche", beginnt das 20. Kapitel. Woanders heißt es: "Ich frage mich, wer das letzte Wort behalten wird, das Dorngebüsch?" Es ist, als ob noch Petrarca der Landschaft das Sprechen beigebracht hätte. Aber natürlich sind auch diese Urworte längst verstummt. "Nur die Stille in den Dörfern bewahrt uns vor dem Wahnsinn", sagt jemand. "Solange sie anhält. Sie ist schon vorbei", sagt Leonardo, der wortkarge Schäfer dieses ruinierten Arkadien. "Es hat sie nie gegeben." Biamonti hat sich dafür eigens bei Cézanne und der Unvollendbarkeit des Kunstwerks abgesichert. Woanders ruft er Eugenio Montale auf, den großen Poeten Liguriens und des nicht ankommenden Wortes.

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