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Rezension: Belletristik : Von Menschen und Mimosen

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Es handelt sich also darum, in diese Gesprächslandschaft einen Verlust einzutragen. Biamonti tut es zweifach: Er flüchtet sich in zwei Sprachen der Eigentlichkeit - die in dieser Umgebung merkwürdig uneigentlich klingen. Die Figuren, vor allem der Perspektiventräger Leonardo, verfallen in ein wissendes Raunen, das gleichsam die Lebensweisheit verschlossener Mimosen ausbreitet. Etwa in der Art: "Oh, könnte man diese Dunkelheit ergründen, dachte er, diese Welt, die in Trümmer fällt." Der Colonnel: "Alles geht seinen Gang . . . Klar ist nur eins: Freiheit und Sklaverei wechseln einander ab." Selbst Carla, die Bedienung in der Dorfbar, stimmt in solche Tiefsinnigkeit ein. Es ist, als ob das Land die Figuren benutzte, um durch sie hindurch Weltklugheiten zum besten zu geben, die von weit her kommen - aber selten viel weiter führen als bis zu einem Gemeinplatz. "Ich weiß nicht so recht, was los ist auf der Welt, aber irgend etwas ist einfach nicht in Ordnung." Auch noch so Gutgemeintes, gerade das, hat seine eigene Grenze, den Besinnungskitsch.

Die andere Sprache der Wahrhaftigkeit ist nicht minder gefährdet. Was bleibt von der verfehlten, mißlingenden Einkehr in die Natur? Bilder, Stimmung, Poesie. In Italien wurde Biamonti dafür gelobt; "Le Monde" glaubte in ihm eine Entdeckung gemacht zu haben. Die meisten poetischen Töne stimmt Leonardo an, der müßige Wein- und Olivenbauer. "Er war", wird etwa gesagt, "auf seinem Grundstück . . . angekommen. Die Mimosen verströmten eine Art Seelicht, und er verspürte den Wunsch, mit den Oliven zu sprechen, die sie beschützten." Ein Landpolizist sagt: "Das, was wir sehen, verletzt uns, wir brauchen einen Schleier." Dazu zahllose lyrische Einsprengsel, die wie Blüten über den Text verstreut sind. Sie erst zeigen schließlich an, was der Roman im Sinn haben mag: ein verlorenes Lebensgefühl anzustimmen (das es eigentlich nie gegeben hat).

Was Biamonti interessant macht, wirft zugleich ein brisantes Licht auf den Roman. Er rechtfertigt seine Erzählungen mit einem Verweis auf eine literarische Kultur, in der die Dinge anstelle der Menschen reden, und denkt dabei an Montale, Valéry und Camus. Offenbar spendet die Sprache, wenn man sie nur den naturnahen Dingen überläßt, eine namenlose Innigkeit oder den Charme des Wildwüchsigen, eben so, als ob es früher besser gewesen wäre. Doch Biamontis stillschweigendes Pathos ist mit Verzicht erkauft. Seine Sprache kann nur leuchten, weil er mehr als hundert Jahre Sprachskepsis und Selbstbefragung des Romans scheinbar naiv links liegen läßt. Doch läßt sich soviel moderne Erfahrung einfach abschütteln? Kann man Bauern, Professoren, Bedienungen, Militärs oder Nymphomaninnen nahezu gleichlautend reden lassen? So als ob die Sprache einer Landschaft - wie ein Pfingstwunder - über sie gekommen wäre? Kann der Roman grundlos sein modernes Wissen über sich (wieder) ablegen?

WINFRIED WEHLE

Francesco Biamonti: Die Reinheit der Oliven. Roman. Aus dem Italienischen übersetzt von Paul-Wolfgang Wührl. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2000. 212 S., geb., 36,- DM.

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