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Rezension: Belletristik : Von Luft und Zeit

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Treue zur eigenen Kindheit im guten wie im bösen ist ein Motiv der Literatur, das sich oft erst im Alter unverstellt zur Erscheinung traut. In Christoph Meckels neuem Gedichtband in der edlen Edition Postscriptum fügen sich Spuren, Klänge und Spiegelungen der Kindheit zu einer Chiffrenschrift immer gefährdeter Unverlorenheit.

          Treue zur eigenen Kindheit im guten wie im bösen ist ein Motiv der Literatur, das sich oft erst im Alter unverstellt zur Erscheinung traut. In Christoph Meckels neuem Gedichtband in der edlen Edition Postscriptum fügen sich Spuren, Klänge und Spiegelungen der Kindheit zu einer Chiffrenschrift immer gefährdeter Unverlorenheit. Das führt in der Form zu einer raffinierten volksliedhaften Einfachheit in der Tradition Arnims und Brentanos, in der die Dinge magische Leuchtkraft annehmen, während sich die Klänge von allem erwachsenen Sinn zu befreien trachten: "Das Kind stand am Zaun / wo draußen war / und warf seinen Stein / dem Hund ins Haar."

          In naiver Allegorese scheint die Sprache des Gedichts die Abstrakta aus der Welt schaffen zu wollen und mit ihnen, was dem Kind Leides getan worden ist. "Da draußen hinkt ein Schmerz und schreit / und hofft auf einen Gotterbarm / der nimmt das Elend in den Arm / . . .". Da soll "die Untröstlichkeit heiter" werden, kann es aber immer nur für den erfüllten Augenblick und an der Textstelle. Der Tod ist allgegenwärtig in diesen Zeilen und Zeichen, aber ihm wird das Wort noch nicht gegeben, nur "Luft und Zeit". Manch ein vertrauter Klang aus der Kindheit aber verwandelt sich zur Lautung des Schreckens vor dem Irdischen. Wie für immer scheint da ein Kind Steine zu suchen und zuletzt kein Glück zu haben. Das Blut im Schuh kommt so nicht aus dem Märchen, ist kein Traum. Auf dem "Weg durch den Blutsumpf" der Erde fließt es ins Gedicht. Es geht aber ein jeder weiter in seinen Schuhen, bis er nicht mehr weiter geht, "und was im Wortschatz eines Sommers leuchtet / gibt unserm Sterben nichts zu hoffen". Mit dem Gedanken an den Tod will sich das Ich der Gedichte nicht versöhnen. Sterben lernt man nicht bei Horaz, nicht durch Freund Günter Eichs Ratschlag und überhaupt nicht aus der Überlieferung: "Keiner hat es je gelernt." So ist jedes von Meckels Gedichten im trotzigen, manchmal rotzigen Eingedenken Entschluß zum vorläufigen Hiersein.

          FRIEDMAR APEL

          Christoph Meckel: "Blut im Schuh". Gedichte. Edition Postscriptum bei zu Klampen Verlag, Lüneburg 2001. 48 S., geb., 17,- .

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