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Rezension: Belletristik : Von der Geschichte gezeichnet

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Am Beispiel Bosniens: Im Krieg gibt es kein objektives Bild, doch die Comiczeichner bemühen sich angesichts des Grauens um neue Reportageformen

          Es gibt keine Bilder aus Kosovo. Zumindest keine, denen man uneingeschränkt glauben könnte. Es gibt nur Erzählungen, aufgeschnappt von den Flüchtlingen hinter den Grenzen. Und es gibt die dubiosen Zeugnisse, Bilder wie den Videofilm der BBC mit hingemordeten Kosovaren. Seine Authentizität ist ebenso umstritten wie das Alter der Filmaufnahmen des Treffens zwischen Slobodan Milosevic und dem Albanerführer Ibrahim Rugova. Kaum eine deutsche Fernsehstation übernahm das Videoband in die eigene Berichterstattung, aber Verteidigungsminister Scharping zeigte es vor der Bundespressekonferenz.

          Das war im Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 nicht anders. Auch damals waren die Vertreibungen, die Konzentrationslager, die Morde zunächst nur aus Erzählungen der Überlebenden bekannt, die den Kesseln entkommen konnten, und der Weg der Opfer ist bis heute nicht vollständig dokumentiert worden. Es scheint paradox, daß im Informationszeitalter ganze Regionen außerhalb unserer visuellen Wahrnehmung liegen und dann nach dem Ende eines Konflikts nur selten weiteres Interesse der Medien für sich beanspruchen können. So kommen wieder Genres zu Ehren, die angesichts ihrer Langsamkeit wie anachronistische Kritiker eines Grauens wirken, das doch schnell bekämpft werden müßte, damit ihm Einhalt geboten werden kann.

          Ein Medium, das sich besonders gut zur künstlerischen Dokumentation aktueller Ereignisse eignet, ist der Comic. Auch er kann keine übermäßige Schnelligkeit für sich in Anspruch nehmen, doch seine Herkunft aus den Tageszeitungen hat ihm von Anfang an zugunsten einer effizienten Produktion geringere Anforderungen an Qualität auferlegt als anderen Kunstformen. Dennoch ist die Comicreportage erst ein Produkt der vergangenen zehn Jahre.

          Sie eröffnet die Möglichkeit, die Individualität eines Künstlers als authentische Stimme wirksam werden zu lassen - in einer Sprache, die auch dem Massenpublikum vertraut ist. Die Bildgeschichte hatte seit jeher zum Prinzip, die Kunst sprechen zu lassen. Sie bricht die Passivität des Lesers durch ein ästhetisches Angebot auf, doch dessen Glaubwürdigkeit resultiert aus der Integrität des Reporters. Dadurch, daß ihr Strich Comics als Kunstprodukte ausweist, verleihen sie dem Journalismus eine Bescheidenheit, die angesichts der Propagandafloskeln notwendig erscheint.

          Der Bosnienkrieg war der erste Gegenstand, an dem sich der Comic als Reportagemedium zu bewähren hatte, und die bislang vorliegenden Resultate geben Auskunft über die Schwierigkeiten, die diese neue Herausforderung für das Medium bedeutet. Denn natürlich wurde auch die klassische fiktive Erzählform vor realistischem Hintergrund beibehalten, und beides ist nicht immer leicht zu trennen. Die erste Stellungnahme eines Comic-Künstlers zum Bosnienkrieg, die größere Aufmerksamkeit fand, war der Band "Sarajewo Tango", den der belgische Zeichner Hermann Huppen, der unter seinem Vornamen publiziert, noch während der Belagerung der bosnischen Hauptstadt veröffentlichte. Dieser Comic ist noch ganz der Tradition verpflichtet, läßt aber bereits eine neue Einstellung zur Realität erkennen. Auslöser für Hermanns Arbeit war das Schicksal seines Agenten Ervin Rustemagic, eines Bosniers, der mit seiner Familie in Sarajevo eingeschlossen wurde und nur per Fax Kontakt zur Außenwelt halten konnte.

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