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Rezension: Belletristik : Von der Dichte des Augenblicks

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Logik der Aussparung: Prosastücke von Yves Bonnefoy

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          Yves Bonnefoy hat seine dichterische Mission über Jahrzehnte hinweg mit großem, ja nahezu heiligem Ernst verfolgt. Im Juni dieses Jahres wird er 75 Jahre alt, aber dieses Ereignis wird in Frankreich sicherlich größere Beachtung finden als andernorts. Seit seinen ersten Gedichten, die Anfang der fünfziger Jahre erschienen, steht er in dem Ruf, ein schwieriger und bedeutender Poet zu sein; und nicht selten scheint das zweite Urteil unmittelbar aus dem ersten zu folgen.

          Seine schmalen Gedichtbände variieren die Frage nach den Möglichkeiten der poetischen Sprache, die für Bonnefoy längst zum Kern seiner Welt- und Kunstanschauung geworden ist. Mit dieser Konzentration auf das dichterische Wort distanziert er sich von allen populären Formen einer "engagierten Literatur" und wirkt in fast schon überraschender Weise altmodisch. Das hat man ihm mitunter vorgeworfen und dabei an die Dichtung Hölderlins oder Hofmannsthals erinnert. Doch gerade in dem Unzeitgemäßen seiner Kunst sieht Bonnefoy, der seit 1981 dem Collège de France angehört, seine eigentliche Aufgabe. Neben Gedichten veröffentlichte er zahlreiche kunstkritische Essays, die sich mit dem Wesen der Malerei beschäftigen; und auch hier gilt sein hauptsächliches Interesse dem Nichtmodernen, etwa der italienischen Renaissance.

          In der nuancierten Übersetzung von Friedhelm Kemp präsentiert der Hanser Verlag nun rund fünfzig kürzere Prosatexte von Yves Bonnefoy, die zuerst vorwiegend in Zeitschriften erschienen und 1993 zu zwei selbständigen Büchern zusammengefaßt wurden. Eine summarische Charakterisierung der Sammlung fällt schwer, denn gelehrte Erörterungen, Traumvisionen, Bildbeschreibungen und Prosagedichte sind auf engem Raum miteinander verbunden. Erst in der Zusammenschau der einzelnen Abschnitte, die oft nur eine halbe Druckseite umfassen, gewinnen die Grundthemen des Bandes Kontur.

          Wie schon früher geht es Bonnefoy auch diesmal um die Aufgabe der Kunst, vor allem beschäftigt ihn die Frage nach dem Verhältnis von Poesie und Malerei. Aus wechselnden Blickwinkeln versucht er, Analogien zwischen beiden Künsten zu entdecken, vergleicht Darstellungsmittel und -techniken. Folgt man seiner Logik, so unterscheiden sich die Künste nur in Äußerlichkeiten: Was in der Malerei die Farbe und in der Zeichnung die Linie ist, das ist für die Dichtung das Wort. Und so wie es einem Maler glücken kann, in einem einzigen Farbtupfer das Wesen einer Landschaft zu erfassen, so liegt für Bonnefoy die Aufgabe der Poesie darin, die "Dichte des Augenblicks" festzuhalten. Gelingen kann das nur durch die unablässige Suche nach jenen Worten, mit denen sich die allgegenwärtige Entfremdung der Sprache vom "wahren Sein" der Dinge überwinden läßt. Der Glaube, daß eine unmittelbare Ursprache überhaupt existiere, stellt Bonnefoy in die Tradition der romantischen Kunstphilosophie.

          Sein Mißtrauen gegenüber allen realistischen Kunstformen jedenfalls ist groß. Eine Reihe von Betrachtungen widmet er dem antiken Maler Zeuxis, der durch seine illusionistische Schattenmalerei bekannt wurde und die Wirklichkeit angeblich so täuschend nachahmen konnte, daß selbst Vögel nach seinen gemalten Trauben pickten. Diese vielgerühmten Trauben des Zeuxis werden für Bonnefoy nun aber zur Chiffre für eine fehlgeleitete Kunst der bloßen Abbildung, die allein an der Oberfläche der Dinge verharrt, ohne zu ihrem Kern vorzudringen. Um den zu erkennen, ist bisweilen äußerste Verknappung notwendig, wie sie Bonnefoy etwa in manchen japanischen Tuschezeichnungen entdeckt. Das Ausgesparte und Nichtvorhandene gewinnt dabei für ihn eine so große Bedeutung, daß er einer einzelnen gelungenen Linie geradezu die Qualität eines Gottesbeweises zuspricht.

          Yves Bonnefoy traut der Kunst viel zu, aber er bürdet ihr auch viel auf. Nicht jedem seiner Leser seiner Schriften wird die blitzhafte Erkenntnis zuteil werden, die darin als das eigentliche Ziel jeder Dichtung erscheint. SABINE DOERING

          Yves Bonnefoy: "Wandernde Wege". Aus dem Französischen übersetzt von Friedhelm Kemp. Hanser Verlag, München / Wien 1997. 152 S., br., 34,- DM.

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