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Rezension: Belletristik : Vom Kochen des Mammuts vor der Kirche

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Boris Pilnjak erzählt vom Zerfall des Radiums und der Welt, von Doppelleben und Doppelgängern / Von Ralph Dutli

          6 Min.

          Wenn Alexander Latschinows Flugzeug abhebt, "gleitet die Erde nach hinten davon, die Flüsse, Wälder, Felder, Spielzeugdörfer - Rußlands Hemd". Bei wenigen Autoren war dieses Hemd so kontrastreich gefärbt wie bei Boris Pilnjak. 1922 wurde er mit seinem ersten Roman "Das nackte Jahr" schlagartig berühmt. Er zeigte das furchtbare Jahr 1919 des Bürgerkriegs in Rußland: "Es gab kein Brot. Es gab kein Eisen. Es gab Hunger, Tod, Lüge, Grauen und Entsetzen - das Jahr neunzehn."

          Die junge Sowjetprosa hatte plötzlich einen Namen: Pilnjak. Es war ein Pseudonym. Der 1894 geborene Autor stammte väterlicherseits von Wolgadeutschen ab, sein eigentlicher Name war Wogau. Sein Thema: Revolution und Bürgerkrieg in der Provinz, ungeschönt, Lichtjahre von der Propaganda entfernt, als Naturgewalt in ihrem ganzen Schrecken - und in ihrer Faszination. Aufbruchjubel und Apokalypse stehen bei ihm hart nebeneinander. Das russische Chaos fand seinen gültigen Ausdruck im Pilnjakschen Prosa-Chaos.

          Trotzki lobte den genauen Beobachter Pilnjak, lobte sein Auge und sein Ohr, bemängelte aber auch, er sei rückwärtsgewandt und kein verläßlicher Revolutionär. Im Jahr 1918 hatte Pilnjak in einer Anarchistenkommune gelebt, und anarchistische Züge wird er sich und seiner Prosa immer bewahren. Er beharrte auf der Autonomie der Kunst, die sich von der Ideologie nicht blenden lassen dürfe, und wurde zum bedeutendsten "Mitläufer" in der Sowjetliteratur, von den proletarischen Literaturfunktionären bald angegeifert wie keiner.

          Pilnjak war ein Recycling-Spezialist, ein Meister der literarischen Wiederverwertung. Der fremde Text war ihm so gut wie ein eigener. Versatzstücke des Alltags, Zeitungsausschnitte über Unglücksfälle und Verbrechen, Statistiken und Zirkulare fügte er wild in seine Prosa ein und versetzte das nüchtern Dokumentarische mit atemberaubenden Lyrismen. Was der bildenden Kunst die Collage war, dem Film die Montage, übertrug Pilnjak auf die literarische Prosa. Schon in seinem zweiten Meisterwerk, "Maschinen und Wölfe" von 1925, verwendete er Teile des ersten - und so fort.

          Die Schwierigkeiten begannen im Jahre 1926 mit der verwegenen Frechheit der "Erzählung vom nichtausgelöschten Mond". Jedermann konnte in dieser Geschichte nur schwach maskiert das Unglück des beliebten Armeeführers Michail Frunse erkennen, der von Stalin zu einer medizinisch unnötigen Operation gezwungen wurde und dabei zu Tode kam. Pilnjak mußte ein öffentliches Reuebekenntnis ablegen, das so zwiespältig ausfiel wie alle seine Reuebekenntnisse. Die Bombe platzte dann 1929, als Pilnjaks Erzählung "Mahagoni", die Zustände in der russischen Provinz zehn Jahre nach einer verpatzten Revolution schilderte, in einem Berliner Verlag herauskam. Die Hetzkampagne, die gegen Pilnjak losschlug, bestimmte sein Leben bis zum Schluß. Als er, scheinbar zu Kreuze kriechend, 1930 den Produktionsroman "Die Wolga fließt ins Kaspische Meer" zum Lob des ersten Fünfjahresplans erscheinen ließ, fand sich darin, als literarisches Kuckucksei im fremd-eigenen Nest, die ganze skandalträchtige "Mahagoni"-Erzählung einmontiert. Maxim Gorki kanzelte 1935 in der "Prawda" Pilnjak als "literarischen Hooligan" ab.

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