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Rezension: Belletristik : Vom Kochen des Mammuts vor der Kirche

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Der Roman ist ein Abgesang auf den von der neuen Eiszeit überholten Künstler, der übrigens mit einem Piloten abstürzt, der sich "leer geflogen" hat. Vieles spricht dafür, daß sich Pilnjak in dem zweifelnden Schauspieler und Sturzflugkandidaten selber porträtiert hat. Der Roman lebt von der schrillen Nachbarschaft verschiedenster Räume und Welten. Man merkt, wie sehr Pilnjaks Prosawerke von seinen Reportagen und Reiseberichten zehren. Pilnjaks persönliche Unrast machte ihn zu einem großen Reisenden, der 1924 tatsächlich an einer Arktis-Expedition teilnahm, 1926 die Mongolei, China und Japan bereiste, 1930 Mittelasien, 1931 die Vereinigten Staaten und 1932 nochmals Japan - was es Stalins Schergen so leicht machte, ihm das epochentypische Verdikt des "japanischen Spions" anzuhängen. Die Arktis-Schilderung, der Bericht vom Radiumbau im Ural und die Briefe aus Tadschikistan sprechen von Erlebtem und geben dem Roman Fülle und Farbe. Er schwelgt zuweilen in üppiger Exotik mit bizarren, surreal schillernden Details.

Am liebsten zelebriert Pilnjak den Zusammenprall von urtümlichen Ritualen mit der neuen Zeit. Die Ural-Völker haben eine nicht weniger mächtige Vergangenheit als die Tadschiken: "Das Volk der Permjaken hielt Mammutknochen für ,Munjan', für ,Brot der Erde', eine heilkräftige, heilige Mixtur, und ganze Dörfer gingen daran, die Mammutknochen zu verspeisen. Dort schlachteten die Permjaken und Komi am Tag des heiligen Frol für ihren Gott Stiere, wobei der orthodoxe Priester des Ortes das Schlachten übernahm - die Stiere wurden in Kesseln gekocht, gegenüber der orthodoxen Kirche." Die Zählebigkeit des Alten ist ein beständiges Thema Pilnjaks, und darin verbirgt sich keine gute Prognose für Sowjetmissionare und die bolschewikische Abschaffung der Vergangenheit. Ein schamanengläubiger Vertreter des Komi-Volkes wird vom Wissenschaftler Nikolaj mit Elektrizität, Radium und Flugzeug bekannt gemacht, doch diese Sowjetmaskottchen wirken lächerlich vor dem Hintergrund der beschworenen Kulturen und ihrer Zauberformeln.

Das Doppelgänger-Motiv haben in der russischen Literatur schon Dostojewski und Bulgakow ausgebeutet. Bei Pilnjak aber ist die Gespaltenheit der Personen überall. "Das Jahr 1917 hatte sein Leben gespalten", heißt es von Alexander Latschinow. Der vielgeprüfte Ehemann der mysteriösen tadschikischen Briefschreiberin und glühenden Kommunistin klagt es dem von ihr angehimmelten Revolutionär Nikolaj Latschinow: "Angelina lebte ein gespaltenes Leben, sie überließ mir den Alltag und den Körper und gab Ihnen die Seele und die Gedanken hin." Sie ist schließlich Nikolajs Spuren in die Arktis gefolgt und dort gestorben, wie der Ehemann dem Revolutionär mitteilt. Der aber lädt in einem Schlußtelegramm seine beiden Verehrerinnen Jelisaweta und Angelina ein, aus dem ewigen Eis zurückzukehren und mit ihm den Zerfall von Radium zu beobachten. Ist das nun eine Panne Pilnjaks, der in der Nervosität der Neumontage nicht bemerkt hat, daß er Angelina bereits hat sterben lassen? Tatsächlich aber gleicht Angelina der mumifizierten ägyptischen Frau - sie wäre also eine Wiedergängerin, eine Scheintote, und sie ist nicht die einzige.

Nikolaj weigert sich, am Begräbnis seines Bruders teilzunehmen, weil er bei der großen physischen Ähnlichkeit für seinen Bruder gehalten werden könnte. Er wäre sich "halbtot" vorgekommen, ja sogar "eingesargt", sagt dieser heroische Unterwerfer der Natur. Der Schauspieler Alexander Latschinow muß sterben, er hat keinen Platz in der neuen Zeit, aber das Halbtote und Scheinlebendige der "neuen sowjetischen Menschen" ist für Pilnjak ein ebenso bitteres Faktum. Gespaltene Leben allenthalben.

Boris Pilnjak: "Die Doppelgänger. Elf Kapitel eines klassischen Berichts". Roman. Herausgegeben und aus dem Russischen übersetzt von Dagmar Kassek. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1998. 280 S., geb., 42,- DM.

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