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Rezension: Belletristik : Vom Kochen des Mammuts vor der Kirche

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Als zu Glasnost-Zeiten die KGB-Archive einen Spaltbreit geöffnet wurden, fand Witalij Schentalinskij auch die Akte Pilnjak, und man kennt seither die weiteren Fakten. Pilnjak wurde am 28. Oktober 1937 verhaftet, am 21. April 1938 von einem nur eine Viertelstunde tagenden Sondergericht als "Trotzkist", "Terrorist" und "japanischer Spion" zum Tode verurteilt und noch am selben Tag erschossen. Pilnjaks literarisches Spätwerk war lange Zeit nur bruchstückhaft wahrnehmbar, jetzt beginnen sich die weißen Flecken mit Farbe zu füllen. Auch für den deutschen Leser: 1993 erschien mit "Der Salzspeicher" (Gustav Kiepenheuer Verlag) Pilnjaks allerletzter Roman, den er nur wenige Wochen vor seiner Verhaftung abschloß, jetzt ergänzt Suhrkamp das Bild mit dem wiederaufgetauchten Roman "Die Doppelgänger". Er ist dem lobenswerten Engagement Dagmar Kasseks zu verdanken, die bereits 1994, zum hundertsten Geburtstag, mit Band von Briefen und Dokumenten die Kenntnis des deutschen Lesers über Pilnjak erfreulich erweitert hat.

"Die Doppelgänger" waren lange nur ein Gerücht. 1933 war eine erste Fassung entstanden, die nur in einer polnischen Übersetzung erscheinen konnte, aber Pilnjak montierte 1935 den Roman nochmals neu. Er verschwand dann für Jahrzehnte in einem Archiv und tauchte erst 1989 in einer russischen Zeitschrift in Tadschikistan wieder auf. "Die Doppelgänger" sind eine Montage von Früherem, aus zwei Erzählungen und einem Reisebericht über Tadschikistan. Der deutsche Leser kann mindestens zwei Elemente wiedererkennen.

Die Geschichte der ägyptischen Mumie, die in der Zeit der russischen Revolution zum Leben erwacht und von einem dem Radiumbau verfallenen Ingenieur geliebt wird, kennt man aus der Erzählung "Iwan Moskwa" von 1927, die in Barbara Conrads exzellenter zweibändiger Ausgabe der Erzählungen (S. Fischer Verlag 1989 und 1991) zu finden ist. Der ausgreifende Bericht von einer Polarexpedition aber stammt aus der Erzählung "Im Nebelland" (1924), die uns der "Mahagoni"-Band in Enzensbergers "Anderer Bibliothek" bescherte. Lauter alte Hüte also? Ein Flickwerk aus längst Bekanntem? Mitnichten.

Jede Neumontage Pilnjaks ist von einem faszinierenden eigenen Rhythmus. So mancher postmoderne Spaß wird zum lahmen Entchen, wenn man ihn mit den Werken dieses radikalen Montagekünstlers der russischen Moderne vergleicht. Die Kühnheit der Schnitte, der brutale Zusammenprall der Extreme lassen schnell vergessen, daß man die Ingredienzen eigentlich kennen könnte. Der Roman "Die Doppelgänger" ist die Geschichte von Zwillingsbrüdern. Alexander Latschinow ist Schauspieler, ein melancholischer Zweifler, der an der neuen Sowjetrealität zerschellen muß. Sein Bruder Nikolaj ist ein eiskalter Wissenschaftler und Willensmensch, der sich für die Erforschung der Arktis ebenso ungebremst einsetzt wie für die Radiumgewinnung zum Wohle der Sowjetrevolution. Er ist ein gefühlloser Roboter, ein "neuer sowjetischer Mensch", wie er Stalin vorschwebte. Zu einem offenen Gespräch zwischen den Antipoden kommt es nie. Als sein Bruder Alexander mit dem Flugzeug abstürzt, fühlt Nikolaj kein Mitleid, denn er hat Wichtigeres zu tun, und schon während der Arktis-Expedition war er bereit, auf seinen Bruder zu schießen, als der sich in Vernachlässigung der Disziplin an die einzige Frau heranmacht.

Ü berhaupt die Frauen! Ihre Herzen gehören - wie die Zukunft - nicht dem unangepaßten Schauspieler Alexander, sondern dem unerbittlichen Revolutionär Nikolaj. Die untadelige Arktis-Forscherin Jelisaweta bekennt sich ebenso zum letzteren wie die geheimnisvolle Angelina, die Alexander Briefe schickt, die aber eigentlich für Nikolaj bestimmt sind.

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