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Rezension: Belletristik : Vom Glück der Schildkröte

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Mal angenommen, daß es nicht immer gut ist, wenn alles so funktioniert, wie man es sich vorgestellt hat; angenommen, die Dinge würden spannender und wahrer und schöner, wenn sie sich verknoten, verhaken und verlieren, und auch angenommen, es gäbe so etwas wie ein Glück der mißglückten Begegnung: Es ...

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          Mal angenommen, daß es nicht immer gut ist, wenn alles so funktioniert, wie man es sich vorgestellt hat; angenommen, die Dinge würden spannender und wahrer und schöner, wenn sie sich verknoten, verhaken und verlieren, und auch angenommen, es gäbe so etwas wie ein Glück der mißglückten Begegnung: Es wäre das große Verdienst des belgischen Schriftstellers Jean-Philippe Toussaint, dieses Glück in einer unvergleichlich lapidaren Szene beschrieben zu haben.

          Ein Mann, Kunsthistoriker und Franzose, steht in einer sommerlich erleuchteten Berliner Straße vor einem schönen Altbau; auf der Straße hält ein Auto. Zwei gebräunte Gestalten steigen aus, es handelt sich um Uwe und Inge Drescher, seine Nachbarn. Sie kommen aus dem Urlaub zurück, sie hatten ihn gebeten, die Pflanzen zu gießen, aber von den Pflanzen hat keine einzige überlebt. Der Franzose hat ein schlechtes Gewissen, als Inge lächelnd auf ihn zukommt. Er findet sie attraktiv. Sie möchte den französischen Nachbarn französisch mit Küßchen begrüßen, trois bisous, links, rechts, links. Aber im Moment der Annäherung gibt es ein Mißverständnis, beide neigen den Kopf in die gleiche Richtung, so daß der routinierte Wangenkuß zu einer ungeplanten Intimität wird - "wobei unsere Münder sich für einen kurzen Augenblick streiften und unsere Lippen sich sachte berührten". Später, als sie wortlos vor den vertrockneten Pflanzen stehen, weht ihm ihr Haar ins Gesicht, das ist das vorläufige Ende dieser Begegnung und der Anfang subtiler Verunsicherungen.

          Ansonsten arbeitet Toussaints französischer Wahlberliner an einer kunstwissenschaftlichen Studie über Tizian, weswegen er beschließt, nicht mehr fernzusehen - doch das ohne großen Erfolg: Nach 162 Romanseiten hat Toussaints Erzähler gerade einmal zwei Seiten über Tizian verfaßt, den Leser mit einer Persiflage auf ambitiöse Medientheorien nachhaltig verwirrt und ein Deutschlandbild entworfen, das seinesgleichen sucht. "Fernsehen" ist ein böser, brillanter kleiner Deutschlandroman.

          In der französischen Literatur ist das selten: Während in jedem drittklassigen deutschen Befindlichkeitsroman die Helden nach Frankreich fahren und dort ihr Glück zwischen provencalischem Lavendelduft und provinziellen "Leben-wie-Gott-in-Frankreich"-Orgien suchen, ist das Deutschland der Gegenwart nicht oft Schauplatz des französischen Romans. Wo Deutschland in der französischen Literatur zum Thema wurde, da war es meistens das finstere Land des Dritten Reichs, in Michel Tourniers "Erlkönig" etwa oder in Jacques Peuchemards "Nuit Allemande", oder aber das stinkende Wirtschaftswunderland des Ruhrgebietes, wie in Alain Bosquets 1997 erschienenem Roman "Portrait d'un milliardaire malheureux".

          Eine Ausnahme war in den zwanziger Jahren René Trintzius' Roman "Deutschland". Trintzius' Werk projizierte auf das Deutschland der Weimarer Republik exakt jenes Idealbild einer hellen, aufgeklärt fortschrittlichen Nation, das deutsche Schriftsteller zur gleichen Zeit in Frankreich suchten. Deutschland war bei Trintzius ein Land, in dem es nur "la Verrückheit", "la Neue Sachlichkeit", "la Sozialdemokratie" und "la Sehnsucht" gab.

          Toussaints Hauptfigur ist, rund siebzig Jahre nach Trintzius' schwärmerischem Helden André Lehucher, dessen würdiger Erbe, wenn auch ungleich kritischer mit dem fremden Nachbarn. Der Kunsthistoriker gerät in die Plattenbauwüsten des Ostens, wo bleiche Menschen mittags fernsehen, bummelt durch den Dürersaal der Dahlemer Sammlungen, legt sich zum Mittagsschlaf am Müggelsee halbnackt auf eine Wiese, bekommt an delikaten Stellen Sonnenbrände, will diese, einmal erwacht, schnell im Wasser des Sees kühlen und läuft dabei, fasernackt, dem im Anzug vorbeipromenierenden Cees Nooteboom in die Arme - eine angeblich autobiographische Peinlichkeit, die Toussaint während eines Gastaufenthaltes am Berliner Wissenschaftskolleg widerfuhr.

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