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Rezension: Belletristik : Virtuosen in höchster Not

  • Aktualisiert am

Da capo: Paolo Maurensig spielt eine Melodie aus dem Fin de Siècle

          3 Min.

          Spannung wird in diesem Roman schon auf den ersten Seiten aufgebaut, doch dauert es eine Weile, bis der Leser alle Verwicklungen auch nur zu erahnen vermag. Paolo Maurensig ist nämlich verliebt in eine geradezu altmeisterlich anmutende Technik der epischen Exposition. Erst in der perspektivischen Distanz dreier verschachtelter Ich-Erzählungen wird die Katastrophe eines Menschen vorgeführt, dem sein Geigenspiel Lebensmöglichkeit und Lebensglück verhieß. Am Anfang steht der Bericht eines alten österreichischen Aristokraten, der in London eine kostbare Stainer-Geige ersteigern konnte. Er deutet wie so vieles in diesem Text auf jene Atmosphäre der k. u. k. Vergangenheit zurück, der sich der 1943 in Görz geborene Maurensig auch an seinem jetzigen Wohnort Udine nicht entziehen will.

          Bald nach der Versteigerung heftet sich ein "musikbesessener" Schriftsteller auf die Spuren des glücklichen Geigenbesitzers. Er weiß, wem das merkwürdige Instrument mit dem geschnitzten Wirbelkopf einst gehörte. Denn in seiner Erinnerung leben Szenen weiter, in denen "der Mann dieser Geschichte" die kümmerliche Bühne eines Wiener Heurigenlokals betritt. Mit schnulzigen Schlagern verdient er hier als Stehgeiger seinen Lebensunterhalt. Doch wenn er, von Kennern herausgefordert, selbst die schwierigsten Nummern des Solistenrepertoires meistert, wird schnell klar, daß diesem Mann in seiner trostlosen Erbärmlichkeit eigentlich der Ruhm eines Konzertvirtuosen zustände.

          In diesem Roman ist von Musik stets im Blick auf Figuren die Rede, die dem Rausch der Töne bis hin zur Zwangsvorstellung metaphysischer Perfektion verfallen. Das bereits in den ersten Erzählsequenzen umkreiste und in der mysteriösen Geige wie in einem Fetisch materialisierte Motiv - Gloriole und Gefährdung des Virtuosentums - weist auf die Lebensgeschichte voraus, zu der an einem Augusttag des Jahres 1985 der halbzerlumpte Stehgeiger selber das Wort ergreift. Zwar darf sich der unehelich geborene Jenö Varga der Gunst seines Stiefvaters, eines Fleischfabrikanten, erfreuen, hat aber alle Mühe, auf dem weiten, über die Anstalten des pädagogischen Drills führenden Weg zu musikalischen Gipfeln voranzuschreiten. Maurensig vertieft sich in das Wachstum "hoffnungsloser Einsamkeit", zugleich in die Dialektik fortschreitender Lebensangst und nahezu wahnhafter Musikbesessenheit.

          Der Eintritt des Adepten in das nahe bei Wien gelegene Collegium musicum läßt die Geschichte schließlich ins Genre der Internatserzählungen einmünden. Neid, Haß und Konkurrenz der Lehrer oder Mitschüler, aufbrechender Sadismus, mancherlei Strafexerzitien, der kleine, verbissen erkämpfte oder in unterdrücktem Zorn erschmeichelte Ruhm der ersten Erfolge - kaum ein Handlungsmotiv, das nicht auf klassische Prosaerzählungen vom Typus des Musilschen "Törleß" verweisen würde. Dazu gehört auch, daß erotische Anwandlungen sublimiert werden: in der Bewunderung für eine Geigenkünstlerin, deren Weg Varga auch später noch kreuzt, vor allem aber im Anschluß an den Busenfreund Kuno Blau, dessen virtuose Könnerschaft Bewunderung erregt und mit dem Varga in der Gemeinsamkeit des Leidens zusammenfindet.

          Über diesen Kuno Blau wandelt sich der Roman zur Familiengeschichte. Blau ist Aristokrat, kann eines Tages den halbproletarischen Sohn des Fleischfabrikanten in sein Tiroler Schloß einladen. Varga wird in die komplizierten Affären der Gastgeber hineingezogen. In überraschenden Enthüllungen, geheimnisvollen Andeutungen und halboffenen Gesprächen stellt sich heraus, daß die beiden Jungvirtuosen Brüder sind, was allerlei Ambivalenzen in ihrem Verhältnis verständlich macht.

          Maurensig scheut sich offenkundig nicht, erprobte, ja abgewetzte Handlungsmuster zu reaktivieren. Daß man dabei nicht ungeduldig wird, hängt mit der erzählerischen Unschuld dieses Autors zusammen, mit seiner Prätentionslosigkeit, die auf nichts anderes abzielt, als in aller Seelenruhe eine rührende Geschichte vorzutragen. Dem entspricht bis ins Detail der Stilduktus. Er läßt Erzählerfiguren entstehen, die berichtend reflektieren, deren Worte, Gedanken und Gefühle zur Deckung kommen und die mit unmoderner anthropologischer Sicherheit fast alle Einzelheiten ihrer Erfahrung in moralisierenden Ableitungen verankern dürfen. Die Distanz der zeitverschobenen Erzählperspektive wirkt wie ein Filter, durch den Leidenschaften und Konflikte nur noch gedämpft hindurchscheinen. Tragische Konvulsionen und alle Ansätze jenes Pathos, das manchen Künstlerroman so ungenießbar macht, verfließen hier in nüchterne Diagnosen.

          Eine Nachschrift berichtet vom Tod eines Patienten in einer Wiener Heilanstalt. Er nannte sich Kuno Blau oder auch Jenö Varga, litt unter Allmachtsphantasien und einem auf seine Geige fixierten Fetischismus. Maurensig spielt also auch noch das letzte Blatt der romantischen Künstlerbiographie aus, die Affinität von Isolation, Genie und Wahnsinn. Dennoch hat die italienische Kritik dieses 1996 in Mailand erschienene Buch in den höchsten Tönen gelobt. Man spüre hier "den Pulsschlag von Bach und Mozart, Mendelssohn und Beethoven". Das hat vielleicht etwas mit dem Thema des Werkes, gewiß aber nichts mit seiner Sprache zu tun. Der Lesegenuß, den Maurensig bietet, erwächst daraus, daß er von Udine aus mit aufreizender Unbefangenheit im zitierenden Pastiche noch einmal heimkehrt in die literarische Welt des spätromantischen Fin de Siècle. WILHELM KÜHLMANN

          Paolo Maurensig: "Spiegelkanon". Canone inverso. Roman. Aus dem Italienischen übersetzt von Irmela Arnsperger. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 1997. 204 S., geb., 32,- DM.

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