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Rezension: Belletristik : Virginia Woolf lernt Autofahren

  • Aktualisiert am

Die Tagebücher von 1925 bis 1930 · Von Eberhard Rathgeb

          7 Min.

          Es bedeutete für sie eine "große Öffnung" ihres Lebens, und es werde, glaubte sie, ihre Einsamkeit sprengen und doch vielleicht, das war die andere Seite, "das absolut Private gefährden". Virginia Woolf entdeckte an einem Montag im Sommermonat Juli das Auto für sich, nachdem seit Tagen in ihrem Haus von nichts anderem als von Autos die Rede gewesen war. "Aber ich habe überhaupt nicht das fesselnde Thema erwähnt - das Thema, das unsere Gedanken so ausfüllt, dass Clive & Mary & Literatur & Tod & Leben keinen Platz darin haben - Automobile."

          An jenem Sommermontag hatte Vanessa Bell, Virginias ältere Schwester, mit ihrem Auto vor der Haustür gehalten, woraufhin Virginia Woolf hinausstürzte und Vanessa am Steuer eines, in ihren Augen, schäbigen Renault sitzen sah. Vanessa sei nervös gewesen, bemerkte sie über ihre Schwester. Der nächste Schritt ließ nicht auf sich warten und bestand darin, Frederick Page, von Berufs wegen Chauffeur und der Mann von Angelikas Gouvernante - Angelika war Vanessas Kind - den Auftrag zu erteilen, ein Automobil für die Woolfs zu besorgen. Was ihm auch gelang. Die Woolfs kauften am 15. Juli einen gebrauchten Singer für 275 Pfund. Das war im Jahr 1927.

          In der entsprechenden Anmerkung der von Anne Olivier Bell herausgegebenen Tagebücher Virginia Woolfs aus den Jahren 1925 bis 1930 findet man dazu den Eintrag, dass Virginia Woolf Fahrstunden nahm, doch bald aufgab, während Leonard Woolf nach sechs Fahrstunden das Auto zum ersten Mal alleine am 31. Juli in die Welt hinaussteuerte. "Die Keynes haben auch einen - einen billigen", vermerkt Virginia Woolf lapidar. Die Hoffnung, die sich mit dem Auto verbindet, ist groß, denn nun könne man nach Bodiam fahren, nach Arundel, auch die Chichester Downs erforschen, und eben "dieses merkwürdige Ding, die Weltkarte im eigenen Kopf, erweitern".

          Das Auto war tief dunkelblau, und ein hellerer Streifen führte rundherum. Auf die Rückseite von irgendwelchen Papieren hatte Virginia Woolf Anweisungen darüber notiert, wie sie das Automobil überhaupt zum Laufen bringen kann. Tausende von Meilen könnten sie beide nun fahren, schwärmte sie. Das Auto habe ihr "die Welt" für den Roman "To the Lighthouse" nicht geschenkt, so doch gegeben. Von dem Roman waren damals 3160 Exemplare verkauft worden, und dabei war das Buch gerade erst im Mai erschienen.

          Alle Bilder in ihrem Kopf waren nun vom Autofahren eingefärbt, hält sie am 23. Juli fest. Und sie erwägt sogar die Vorstellung, den Motor, die Maschine, wie sie schreibt, laufen zu lassen, ohne den Gang einzulegen. Das Auto wurde den beiden zur "Freude unseres Lebens", und zwar eines zusätzlichen Lebens, "frei & beweglich & luftig, das sich neben unserer gewöhnlichen stationären Tätigkeit leben lässt". Die beiden trudeln nun also los, fahren in Städte, fegen zu Ortschaften hinüber, machen hier und dort Besuche, kehren wieder zurück - "alles so leicht & beschwingt wie ein Habicht in der Luft". Schon spricht Virginia Woolf von einer Vor-Auto-Zeit, auf die sie beide bald zurückblicken werden wie auf "unsere Höhlenzeit".

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