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Rezension: Belletristik : Vierzehn Tage ohne den Duft der Trauer

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Miguel Torgas portugiesisches Welttheater auf kleiner Bühne · Von Karl-Markus Gauß

          Seit Menschengedenken war es nie anders: Wenn es Herbst wird im Gebirge, dann steigen die Bewohner der Dörfer in die fruchtbaren Täler des Douro herab, um bei der Weinlese dabeizusein. "Die paar Centavos, die am Ende herausspringen, helfen wenig weiter. Aber man atmet einmal andere Luft; man kommt heraus, hat einmal eine Abwechslung; es sind vierzehn Tage, die nicht nach Traurigkeit und Ruß riechen. Man lebt." Dieses Jahr aber wird es am Ende einen Verstümmelten zu bedauern und zwei Tote zu beklagen geben. Denn die Sitten verfallen, seit eine neue Generation von Gutsbesitzern sich nicht mehr um alte Gewohnheiten und ungeschriebene Rechte kümmert und zum Land, zum Boden, zum Weinstock nur mehr eine monetäre Beziehung pflegt.

          Der im Jahre 1907 geborene Adolfo Correira da Rocha war Landarzt, ehe er, als Salazar eben seine Diktatur über Portugal errichtete, das Schreiben zu seiner Lebensaufgabe machte. Das Pseudonym, das er wählte und mit dem er weltberühmt werden sollte, charakterisiert den einzelgängerischen Mann ebenso wie jene Region, deren bitterer Chronist er wurde. "Torga" ist der Name eines zähen, wenig ansehnlichen Heidekrauts, das im kargen Norden Portugals wächst.

          Über sechzig Bücher sollte Miguel Torga verfassen, die in dem von Armut bedrückten Gebiet Trás-os-Montes an der Grenze zum spanischen Galicien spielen. Sein autobiographischer Roman "Die Erschaffung der Welt" erzählt in sechs Teilen Torgas Leben von der Kindheit bis zur "Nelken-Revolution". Seine publizierten Tagebücher umfassen weit mehr als ein Dutzend Bände. Als er 1995 hochbetagt starb, wurde er allenthalben dem anderen Großen, dem ganz anderen Großen in der portugiesischen Literatur dieses Jahrhunderts zugesellt. Schrieb dieser, Fernando Pessoa, von der Großstadt und den eigenen Abgründen, so erzählt Torga von der herben Landschaft, den einsamen Dörfern und Weilern, den Mythen und sozialen Kämpfen, den Kleinbauern und Tagelöhnern. Obwohl er sich dem literarischen Betrieb verweigerte, ja dem gesellschaftlichen Leben verschloß, wurde dieser Rebell ohne Illusionen doch zur politischen Instanz, zum sozialen Gewissen seiner portugiesischen Heimat.

          Der Roman "Weinlese", ein Klassiker, ist im Original erstmals 1945 erschienen. Die fünfzig Jahre seither haben in Portugal vieles umgestürzt und, nebenbei, dem Douro, dem Wein der Region, von dessen Lese Torga berichtet, überall in der Europäischen Union Trinker und Genießer beschert. Doch merkwürdig, so drastisch sich die Sozialstruktur auch verändert haben mag, es ficht die Gültigkeit dieses Epos nicht an, wie auch der regionalistische Zuschnitt, ihre Verwurzelung in der Provinz, Torgas Literatur nichts von ihrer universellen Geltung nimmt. Unverkennbar wählt da einer die kleine Bühne, um darauf Welttheater zu spielen; er bietet gerade einmal vierzig Dorfbewohner und zwei Familien von Gutsherren auf - aber es sind die ewigen Menschheitsfragen, die er verhandelt.

          Den Dörflern, die mit Begeisterung ins Tal aufbrechen und sich dort Freizügigkeiten erlauben, deren sie sich in ihrer gewohnten Umgebung streng enthalten, gehört die Sympathie des Autors. Ihnen ist er mit kundiger Anteilnahme verbunden, ohne die Geschichte ins Ideologische zu wenden; selbst wo er die dionysische Lebenslust der Erntearbeiter preist, die sich abends in geradezu heidnischen Kulten der Erdverbundenheit und Sinnlichkeit ergehen, übersieht sein scharfer Blick die Bedrängnisse nicht, denen sie ausgesetzt sind.

          Auffallend, daß die Oberschicht, repräsentiert von zwei besitzenden Familien, die gegensätzlicher nicht sein könnten, differenzierter eingefangen ist als die sozial kompakte Dorfgemeinschaft. Da sind die Meneses, die seit feudalen Zeiten ihre Weingüter veredeln, den Saisonarbeitern geringen, doch anständigen Lohn bezahlen und dem Wein wie den Menschen, die ihn ernten, Respekt entgegenbringen. Die Kinder des jetzigen Herrn haben sich längst ins Kulturelle verfeinert, wie die ganze Dynastie überhaupt die schöne Unfähigkeit auszeichnet, sich den neuen ökonomischen Gegebenheiten anzupassen.

          Ihnen benachbart sind die bürgerlichen Lopes, Aufsteiger, nur auf Gewinn bedacht, ohne Ehrfurcht gegenüber dem Boden und den Tagelöhnern, aber auch unfähig, den erworbenen Reichtum selbst zu genießen. In einer furchtbaren Gewitternacht, die die halbe Ernte vernichtet, wird der Sohn und Erbe, von unglücklicher Liebe gebrochen, in den Tod gehen, ein Ereignis, das für kurze Frist alle Zwistigkeiten im Tal vergessen macht, die angestauten Konflikte nach dem Begräbnis aber erst richtig ausbrechen läßt.

          Zwischen diesen drei Gruppen hat Torga ein paar ungemein kantige Gestalten gesetzt, und vielleicht am prächtigsten ist dem Landarzt dabei ein berechnender Arzt aus der Stadt gelungen, der sich unter den Töchtern der Latifundienbesitzer nach einer guten Partie umsieht oder wenigstens mit sexuellen Erfolgen nach Lissabon zurückkehren möchte. Die Dörfler aber verlassen das Tal mit kargem Lohn und doch mit dem Erlebnis des Außergewöhnlichen bereichert; auf einer Tragbahre führen sie die alte Angélica mit, die den Tod noch ein bißchen hinausschiebt, bis sie den ersten "Hauch der Berge" spürt.

          Miguel Torga: "Weinlese". Roman. Aus dem Portugiesischen übersetzt von Erika Farny. Beck & Glückler Verlag, Freiburg 1997. 320 S., geb., 39,80 DM.

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