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Rezension: Belletristik : Viele Katzen und kein Dichter

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Mittelalterkrimi, beziehungsweise fast: Peter R. Wieningers Debüt

          Ein Mönchskrimi, eine Spurensuche à la Umberto Eco sollte das wohl werden. Und so läßt der dreißigjährige Österreicher Peter K. Wieninger seinen Debütroman um ein Objekt kreisen, das wohl einen Höhepunkt mittelalterlicher Augenkunst darstellt: das berühmte Book of Kells, ein irisches Evangeliar aus dem achten oder neunten Jahrhundert. Seine tollkühnen Spiral- und Tierornamente, seine bizarr verschlungenen Initialen hat bereits Joyce in parodistischen Beschreibungen besungen: "Ein Wort, so drollig verborgen in seinem Labyrinth verwirrender Draperie wie eine Feldmaus in einem Nest bunter Bänder" ("Finnegans Wake").

          Wieninger freilich - dies ist die erste, augenfällige Schwäche des Buches - schaut nicht so genau hin, sondern überläßt die Deutung der frühirischen Fauna lieber seinem Schreibcomputer. Worüber den Gelehrten bis heute die Augen übergehen, da sieht sein Textprogramm nur "rabenschwarze Spinnen, purpurne Bären, regenbogenfarbene Phantasiegeschöpfe und Katzen, vor allem Katzen, Katzen auf Mäusejagd, Katzen, nach fliegenden Fischen angelnd, Katzen, die Feuer speien, schwimmende, fliegende Katzen . . . Katzen als Buchstaben, als Satzzeichen, als Zahlen". Glaubt der Autor, hundert Katzen machten einen Dichter?

          Kaum einfallsreicher ist die Konstruktionsidee des Romans, eine Doppelintrige, die Bilder aus der Vergangenheit mit einer modernen Detektivstory verschränkt. Was wir über die Geschichte des "Book of Kells" wissen, über seine Flucht vor Wikingern aus dem schottischen Iona ins irische Kells, über einen Diebstahl und die Schenkung an das protestantische Trinity College zu Dublin, das vermengt Wieninger mit der albernen Erfindung einer Zarathustra-Sekte, die ein Auge auf den kostbaren Kodex geworfen, ja an seiner Herstellung sogar mitgewirkt habe. Als Kalligraph der Mönche von Iona fungiert hier nämlich ein Byzantiner mit falscher Identität, in Wirklichkeit ein Hoherpriester der iranischen Zoroastrier, der sich sozusagen in der Himmelsrichtung geirrt hat. Wollte Eco mit diesem Einfall konkurrieren, müßte er Jorge von Burgos, den blinden Bibliothekar, zu einem Aztekenhäuptling machen.

          Der Kalligraph in geheimem Auftrag, eine Art Wallraf des Frühmittelalters, schreitet nun zur Tat: er kapriziert sich auf eine Teufelsdarstellung - angeblich von Katzen umgeben und vor allem "die einzige Figur des Book of Kells, die nicht gemalt war, sondern steifledern . . . den gläubigen Leser angrinste" - und füllt zwischen Pergament und Deckleder ein Rauschpulver. Wer die wirkliche Satansfigur des "Book of Kells" (auf fol. 202v) aufschlägt, kann etwas anderes finden: die älteste Darstellung der Versuchung Jesu in der christlichen Ikonographie.

          Bis zum Ende des Romans wird nicht recht klar, was die Geheimsekte mit dem Evangeliar überhaupt anstellen will. Einmal geht es um Bekämpfung der Christen und "Welterneuerung" im Namen von Ormazd, dem persischen Hochgott, ein andermal um die Suche "nach dem Geheimnis der Vernichtung der Niederlage des Bösen", ein drittes Mal aber wird auch Christus mit Ormazd identifiziert - offensichtlich hat sich der Autor am Ende selbst nicht mehr in seinen religiösen Trockeneisnebeln zurechtgefunden.

          Doch hat die Intrige das Kolorit, das sie verdient. Sorgsam detailliert sind die Gewaltszenen ("Streitäxte schlugen Arme, Beine und Genitalien der wehrlosen Mönche ab, Spieße und Schwerter durchbohrten das Fleisch der Männer, Frauen und Kinder"), liebevoll modifiziert Namen, Fakten und Grammatik. "Druidinnen" tanzen auf Wikingerfesten, Irenmönche präsentieren sich als "Benediktiner", Äbte sterben für "die Lehre Christis", das heißt für einen falschen Genitiv. Die Klöster des neunten Jahrhunderts sind "wuchtige romanische Bauwerke" und haben ein Örtchen, um das sie die ganze Christenheit beneiden dürfte: ein "Reflektorium".

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