https://www.faz.net/-gr3-2uoq

Rezension: Belletristik : Verwirrt, träge und verliebt

Läuft die Zeit schneller ab, wenn man betrunken ist? Oder nimmt man die Umwelt verzögert wahr, so daß die Zeit langsamer verfließt? Die beiden, die sich über diese Frage unvermittelt in die Haare kriegen, haben sich kurz vorher kennengelernt, sind Ende Zwanzig und arbeiten für den gleichen Gastronom: ...

          Läuft die Zeit schneller ab, wenn man betrunken ist? Oder nimmt man die Umwelt verzögert wahr, so daß die Zeit langsamer verfließt? Die beiden, die sich über diese Frage unvermittelt in die Haare kriegen, haben sich kurz vorher kennengelernt, sind Ende Zwanzig und arbeiten für den gleichen Gastronom: die schöne Katrin als Köchin in der einen, Frank Lehmann, den alle nur "Herr Lehmann" nennen, hinter dem Tresen der anderen Kneipe. Sonst sind die beiden so verschieden, daß sie geradezu prädestiniert zu einem Liebespaar sind, das sich im September findet und im November wieder verliert. Katrin tut sich schließlich mit "Kristall-Rainer", einem unauffälligen Kneipengast, zusammen, während Frank sich erstmal ausschlafen möchte und fortwährend daran gehindert wird - Kreuzberg im Herbst 1989.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          In seinem Debütroman zeichnet Sven Regener, Jahrgang 1961 und Sänger der Band "Element of Crime", die Welt nach, wie sie sich schemenhaft im Bewußtsein seines Helden niederschlägt. Dort manifestiert sie sich am liebsten als gewaltige Ruhestörung, als Hindernis auf dem Weg zum ersehnten Schlaf, das es zu umgehen gilt. Es ist eine kleine Welt - Lehmann verläßt nur ungern das enge Areal von Kreuzberg, und schon der Nachbarbezirk Neukölln ist ihm ein Graus. Lehmanns Kosmos bevölkern Kollegen, Kneipenbesitzer und -gäste, die sich einig sind im zähen Bestreben, keine Veränderung zuzulassen und die geübten Rituale gegen alle Anfechtungen von außen durchzuhalten.

          Dabei steht der große Umbruch unmittelbar bevor und vollzieht sich hinter den Kulissen bereits auf mehreren Ebenen, wenn auch unmerklich für Lehmann: Da ist sein bester Freund Karl, der eine Ausstellung mit Skulpturen vorbereitet, für die sich niemand interessiert, und der darüber aus Erschöpfung zusammenbricht; da ist die Abkehr Katrins, die in Lehmann "so einen Typ, der alles werden könnte" gesehen hat und sich, weil er sich jeder Karriere beharrlich und eloquent widersetzt, einem wesentlich leichter zu formenden Verehrer zuwendet; da ist schließlich das Jahrhundertereignis der ostdeutschen Revolution, das bis zum vorletzten Kapitel so auffällig ausgespart ist, daß diese Leerstelle des Romans im Bewußtsein des Lesers, zumal aus dem Abstand von beinahe zwölf Jahren, eine ausgesprochene Dynamik entfaltet - und gleichzeitig die Frage aufwirft, ob dieses Desinteresse an den Ereignissen, die der Maueröffnung vorausgingen, nicht eine in Westdeutschland und vor allem in Westberlin durchaus verbreitete Haltung war.

          Kein Zweifel, daß hier ein glänzender Wenderoman aus westlicher Sicht vorliegt, der ebendeshalb so überzeugt, weil die Ereignisse in der DDR im Bewußtsein der Hauptfigur, aus deren Perspektive durchgängig erzählt wird, nur in Spurenelementen vorkommen - um westliches Desinteresse darzustellen, so scheint es, hätte man kein besseres Millieu als Kreuzberg, keinen besseren Romanhelden als Lehmann wählen können. Das macht sich um so nachhaltiger bemerkbar, je näher die Handlung auf den neunten November 1989 zusteuert. Ein einziges Mal nämlich läuft selbst Lehmann Gefahr, der Weltgeschichte nicht mehr ausweichen zu können, die sich einige hundert Meter weiter jenseits der Spree vollzieht: Um auf Wunsch seiner Eltern einer entfernten Verwandten einen Umschlag mit Westgeld zu übergeben, macht sich Lehmann am fünften November, dem Morgen nach der großen Demonstation auf dem Alexanderplatz, auf den Weg nach Ostberlin. Er kommt aber nur bis zum Grenzübergang, wo er wegen Devisenvergehens festgehalten wird. Agiert er dabei so ungeschickt, um garantiert zurückgewiesen zu werden? Oder ist er so sehr gewohnt, über alles und jedes zu diskutieren, daß er sich fast lustvoll mit den Zöllnern streitet?

          Denn Lehnmann rechtet permanent: mit seinen Freunden, mit Polizisten aus Ost- und Westberlin, mit Katrin, mit Busfahrern oder Kneipengästen und vor allem mit sich selbst. All diesen Diskussionen gemein ist aber, daß sie vollkommen fruchtlos bleiben. Lehmann ist eine überaus sympathische Oblomow-Gestalt, ein Mann ohne Antrieb, dem "das Hinlegen in den letzten Jahren selbst zu einer Lieblingsbeschäftigung geworden war", dem aber genau dies den Roman über verwehrt bleibt: zur Ruhe zu kommen. Der auf ihn einstürmenden Welt begegnet er am liebsten mit Sprachkritik, weil diese Form der Auseinandersetzung garantiert folgenlos bleibt.

          So ist der Roman auch geprägt von der verbalen Orientierungssuche des Helden: Lehmann versucht, Ordnung zu schaffen - in der Welt und vor allem im eigenen Kopf. Ist er berauscht, neigt Lehmann zu schlichten Postulaten wie: "Alles, was über Bier hinausgeht, ist falsch."  Oder: "Am Ende ist man immer selber schuld, wenn man Schnaps trinkt" - Sentenzen, die das Staunen des Bezechten über die Möglichkeit, überhaupt Wahrheiten zu formulieren, deutlich zeigen. Am liebsten aber beschäftigt Lehmann sich mit sich selbst und seinen eigenen, eben geformten Gedanken: "Herr Lehmann freute sich darüber, daß ihm dieses Wort in den Sinn kam, er hatte es lange nicht mehr gehört oder gedacht." Oder: "Das, dachte Herr Lehmann, ist der dümmste Gedanke, den ich in den letzten zehn Jahren gehabt habe."

          Auch der Beginn der Liebesbeziehung zu Katrin ist bestimmt von einer ins Äußere gewendeten Version seiner endlosen Selbstgespräche und gedanklichen Klärungsversuche. Der Disput über die Wahrnehmung der Zeit ist geprägt von einer aggressiven Diskussionshaltung ("romantisch ist das nicht, dachte er, romantisch ist was anderes"), die dem Grunddissens der beiden geschuldet ist: Katrin verwendet absichtslos das Wort "Lebensinhalt", einen Begriff, den Lehmann als solchen in Frage stellt, zumindest für die eigene Person. Daß seine erregte Rechtfertigung am Ende nur noch wenig mit Katrins Äußerung zu tun hat, erkennt er immerhin: "Ich rede gar nicht mit ihr, dachte Herr Lehmann bedauernd, eigentlich rede ich mit dem Rest der Welt, und sie bekommt es ab."

           Der Roman zerfällt in lauter einzeln ausgemalte Szenen, jede in sich abgerundet und bisweilen von hoher Komik. Regener gerät kaum einmal in die Gefahr, seinem Helden distanzlos zu begegnen, läßt ihn aber selbst um der Pointe willen nicht sonderlich skurril erscheinen, sondern ist sichtlich um eine gelassene Schilderung der beiden Herbstmonate bemüht. Seine Stärke sind die vielstimmigen Diskussionen, etwa bei Lehmanns Abendessen mit seinen aus Westdeutschland angereisten Eltern in einer Kneipe, wo er, wie er seinen Eltern zuvor vorgelogen hatte, Geschäftsführer ist und wo sich der wachsende Argwohn seines Vaters, die Beschwichtigungsversuche Lehmanns und die liebevollen Sottisen des befreundeten Kellners mischen.

           Vor diesem Hintergrund des Beharrungsvermögens eines Milieus und vor allem seines Repräsentanten angesichts einer historischen Wende gewinnt auch die Diskussion der Liebenden um die Zeitwahrnehmung im Rausch eine neue Relevanz. Beider Freund Karl, dem Frank und Katrin diese Frage zur Entscheidung vorlegen, findet jedenfalls eine salomonische Lösung: "Ich glaube, sie läuft schneller. Aber am nächsten Morgen gleicht sich das wieder aus."

          Sven Regener: "Herr Lehmann". Roman. Eichborn Berlin, Berlin 2001. 300 S., geb., 36,- DM.

          Weitere Themen

          Zeit für einen Torwartwechsel?

          Ter Stegen gegen Neuer : Zeit für einen Torwartwechsel?

          Keine Position im Fußball wird so gerne diskutiert wie die zwischen den Pfosten. Nur wenige Torhüter haben den Nummer-1-Status in der Nationalmannschaft konservieren können – und es ins kollektive Gedächtnis geschafft.

          Topmeldungen

          Das Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York

          Vereinigte Staaten : Zwei kubanische UN-Diplomaten ausgewiesen

          Kurz vor der UN-Vollversammlung hat Amerika zwei Vertreter Kubas ausgewiesen. Deren Aktionen seien laut Außenministerium gegen die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten gerichtet gewesen. Kuba spricht von Verleumdung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.