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Rezension: Belletristik : Verwirrt, träge und verliebt

Denn Lehnmann rechtet permanent: mit seinen Freunden, mit Polizisten aus Ost- und Westberlin, mit Katrin, mit Busfahrern oder Kneipengästen und vor allem mit sich selbst. All diesen Diskussionen gemein ist aber, daß sie vollkommen fruchtlos bleiben. Lehmann ist eine überaus sympathische Oblomow-Gestalt, ein Mann ohne Antrieb, dem "das Hinlegen in den letzten Jahren selbst zu einer Lieblingsbeschäftigung geworden war", dem aber genau dies den Roman über verwehrt bleibt: zur Ruhe zu kommen. Der auf ihn einstürmenden Welt begegnet er am liebsten mit Sprachkritik, weil diese Form der Auseinandersetzung garantiert folgenlos bleibt.

So ist der Roman auch geprägt von der verbalen Orientierungssuche des Helden: Lehmann versucht, Ordnung zu schaffen - in der Welt und vor allem im eigenen Kopf. Ist er berauscht, neigt Lehmann zu schlichten Postulaten wie: "Alles, was über Bier hinausgeht, ist falsch."  Oder: "Am Ende ist man immer selber schuld, wenn man Schnaps trinkt" - Sentenzen, die das Staunen des Bezechten über die Möglichkeit, überhaupt Wahrheiten zu formulieren, deutlich zeigen. Am liebsten aber beschäftigt Lehmann sich mit sich selbst und seinen eigenen, eben geformten Gedanken: "Herr Lehmann freute sich darüber, daß ihm dieses Wort in den Sinn kam, er hatte es lange nicht mehr gehört oder gedacht." Oder: "Das, dachte Herr Lehmann, ist der dümmste Gedanke, den ich in den letzten zehn Jahren gehabt habe."

Auch der Beginn der Liebesbeziehung zu Katrin ist bestimmt von einer ins Äußere gewendeten Version seiner endlosen Selbstgespräche und gedanklichen Klärungsversuche. Der Disput über die Wahrnehmung der Zeit ist geprägt von einer aggressiven Diskussionshaltung ("romantisch ist das nicht, dachte er, romantisch ist was anderes"), die dem Grunddissens der beiden geschuldet ist: Katrin verwendet absichtslos das Wort "Lebensinhalt", einen Begriff, den Lehmann als solchen in Frage stellt, zumindest für die eigene Person. Daß seine erregte Rechtfertigung am Ende nur noch wenig mit Katrins Äußerung zu tun hat, erkennt er immerhin: "Ich rede gar nicht mit ihr, dachte Herr Lehmann bedauernd, eigentlich rede ich mit dem Rest der Welt, und sie bekommt es ab."

 Der Roman zerfällt in lauter einzeln ausgemalte Szenen, jede in sich abgerundet und bisweilen von hoher Komik. Regener gerät kaum einmal in die Gefahr, seinem Helden distanzlos zu begegnen, läßt ihn aber selbst um der Pointe willen nicht sonderlich skurril erscheinen, sondern ist sichtlich um eine gelassene Schilderung der beiden Herbstmonate bemüht. Seine Stärke sind die vielstimmigen Diskussionen, etwa bei Lehmanns Abendessen mit seinen aus Westdeutschland angereisten Eltern in einer Kneipe, wo er, wie er seinen Eltern zuvor vorgelogen hatte, Geschäftsführer ist und wo sich der wachsende Argwohn seines Vaters, die Beschwichtigungsversuche Lehmanns und die liebevollen Sottisen des befreundeten Kellners mischen.

 Vor diesem Hintergrund des Beharrungsvermögens eines Milieus und vor allem seines Repräsentanten angesichts einer historischen Wende gewinnt auch die Diskussion der Liebenden um die Zeitwahrnehmung im Rausch eine neue Relevanz. Beider Freund Karl, dem Frank und Katrin diese Frage zur Entscheidung vorlegen, findet jedenfalls eine salomonische Lösung: "Ich glaube, sie läuft schneller. Aber am nächsten Morgen gleicht sich das wieder aus."

Sven Regener: "Herr Lehmann". Roman. Eichborn Berlin, Berlin 2001. 300 S., geb., 36,- DM.

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