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Rezension: Belletristik : Verspieltheit und Strenge

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Alter Meister: Zwei neue Bände des Comiczeichners Jacques Tardi

          Es ist ein Glücksfall, daß die Trägheit deutscher Verlage bei der Übersetzung ausländischer Comics bisweilen Vergleiche erlaubt, die sonst weniger augenfällig wären. So sind die bislang letzten beiden Alben des derzeit bedeutendsten französischen Zeichners Jacques Tardi nun nahezu gleichzeitig erschienen, während zwischen deren Publikation in Frankreich immerhin mehr als zwei Jahre lagen. Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich die beiden Geschichten ausgefallen sind, obwohl sie sich beide graphisch darin ähneln, daß Tardi seine früher so dominanten Schwarzflächen und kräftigen Linien gegen einen subtilen Strich vertauscht hat, der die Figuren wieder mehr zum Cartoon zurückführt. Wenn man die Titelbild- und Werbeillustrationen aus den letzten Jahren dazunimmt, kann man erkennen, daß derjenige Zeichner, dem sich Tardi derzeit am meisten annähert, vermutlich der Deutsche Ralf König ist. Beide setzen gegen die immer elaborierteren naturalistischen Produkte ihrer Kollegen einen bewußt naiven Stil, der sich am Vorbild der humoristischen Comic strips aus den dreißiger Jahren orientiert.

          Damit steht Tardi in Frankreich nahezu allein. Er ist keiner der beiden großen frankobelgischen Comicschulen (Brüssel oder Marceline) zuzurechnen, obwohl er Hergé, den Begründer der Brüsseler Schule, als sein Vorbild nennt. Eher könnte man ihn zu den Revolutionären der siebziger Jahre rechnen, die - ganz analog zum französischen Film im vorausgegangenen Jahrzehnt - plötzlich amerikanische Merkmale in ihre Arbeiten einfließen ließen. Doch auch diese Richtung hat Tardi seit langem hinter sich gelassen. Zeichnete er zu Beginn seiner Karriere vor fünfundzwanzig Jahren noch Western, hat er schnell die zwei Genres gefunden, die zu seiner Spezialität werden sollten: die Kolportage und den Kriminalroman.

          Die jetzt auf deutsch veröffentlichten Erzählungen sind jeweils Höhepunkte dieser beiden Gattungen. "Alles Monster" ist der siebte Teil von Tardis selbstverfaßter Serie um die Schriftstellerin Adele Blanc-Sec, die im Paris der zehner Jahre unseres Jahrhunderts mit allerlei obskuren Wissenschaftlern konfrontiert wird, die nicht weniger erringen wollen als die Weltherrschaft. Tardis Obsession ist der Erste Weltkrieg, jenes für die Franzosen so überaus bedeutsame Menschenschlachten im Stellungskrieg. Ihm hat er mehrere Kurzgeschichten gewidmet, und auch die Adele-Abenteuer haben als Bezugspunkt den Krieg.

          Die ersten vier Alben deckten den Zeitraum bis zum August 1914 ab, die letzten drei setzen pünktlich zum Waffenstillstand am 11. November 1918 wieder ein und sind mit "Alles Monster" nur einen einzigen Tag weitergekommen. Die Handlung zu schildern ist unmöglich; zu aberwitzig sind die verschiedenen Alben der Serie (samt diverser anderer Comics Tardis) miteinander verzahnt. Als ästhetisches Vorbild läßt sich unschwer der Fortsetzungsroman der Feuilletons des Fin-de-siècle ausmachen. Tardi weiß offensichtlich bei Beendigung einer Episode nie, wie er sie im folgenden Album weiterführen wird; die siebte Folge "Alles Monster" erschien nach einer Pause von immerhin neun Jahren.

          Im Gegensatz zum delirierenden Spektakel dieses Albums, das Farben und Formen des Art Déco kongenial in den Comic überträgt, ist "Kein Ticket für den Tod" in Schwarzweiß gehalten. Die Einzelbilder sind größer und verschaffen der Erzählung eine Strenge, die dem zugrundeliegenden Szenario gerecht wird. Es handelt sich dabei um einen Nestor-Burma-Krimi nach der Vorlage von Léo Malet, bereits den dritten, den Tardi adaptierte. Der den Comics gegenüber äußerst kritische Malet hatte sich Anfang der achtziger Jahre von der akribischen Arbeitsweise Tardis überzeugen lassen: "Dieser Typ ist völlig irre. Eines Tages hat er die Strecke von der Denfert-Rochereau-Métrostation bis zu mir nach Châtillon zu Fuß zurückgelegt, nur um die Autofahrt einer Person im Roman nachzuvollziehen."

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