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Rezension: Belletristik : Vermutlich fehlbare Primaten

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Kein Badewetter in der DDR: Stefan Heyms grimmiger Nachruf

          4 Min.

          Die Aufzeichnungen, die der dreiundachtzigjährige Stefan Heym in diesem Frühjahr vorlegt, stammen der Form nach von ihm, in der Substanz dagegen vom Regime der DDR und von dessen ausführenden Organen. Wie bei solchem Autoren-Kollektiv nicht anders zu erwarten, kommt ein Schauerroman dabei heraus, und das Schauerlichste ist, daß er aus blanker Realität besteht. Alle Schrecknisse, alle Widerlichkeiten haben sich wirklich zugetragen, im November 1976, als die DDR den Sänger Wolf Biermann aus dem Land trickste und ihm dann die Staatsbürgerschaft entzog.

          Das Faktum ist bekannt. Bekannt auch, daß etliche DDR-Autoren ihrer Regierung ins Gewissen zu reden versuchten und daraufhin selbst zu feindlichen Elementen avancierten. Über den Protest und sein Echo, die Standhaftigkeit dieser und das Zurückweichen jener Protestierer ist seinerzeit und nachher viel geredet und geschrieben worden. Und doch zeigte sich damals nur die Spitze des Eisbergs, in toto konnte er erst nach der Wende, insbesondere nach der Öffnung der Stasi-Archive, ausgemessen werden. Freilich wurde da zunächst nicht viel gemessen, das Ganze lag schon so weit zurück, inzwischen hatten andere, nicht weniger bedrückende oder erregende Ereignisse die Szene beherrscht.

          Jetzt aber tritt das alte Unrecht wieder zutage, und zwar gleich zwiefach, denn außer dem Schriftsteller Heym hat ja auch der Schauspieler Manfred Krug Erinnerungen vorgelegt (F.A.Z. vom 18. April). Warum diese Häufung gerade jetzt, läßt sich nur vermuten. Entweder wirkte das Zwanzig-Jahre-Jubiläum der Biermann-Affäre, oder es braucht seine Frist, bis Erlebtes mitteilungsgerecht verarbeitet ist und präsentiert werden kann. Das Zeitgleiche ist übrigens nicht zwangsläufig wesensgleich, was sich schon an den Titeln zeigt: Krugs "Abgehauen" klingt wie "bis hierher und nicht weiter". Heyms Formel "Der Winter unsers Mißvergnügens" - eine Anleihe bei Shakespeares "Richard III." im Deutsch August Wilhelm von Schlegels - signalisiert Kummer und Gram angesichts der sozialistischen Welt, in der Heym 1976 leben mußte. Das heißt, so richtig gemußt hat er natürlich nicht. Die DDR hätte den verbesserungswütigen, subordinationswidrigen Moralisten wohl ebenso ziehen lassen wie viele andere störende Schriftsteller auch. Aber für Heym lag es außerhalb des Vorstellbaren, dort zu leben, wo seine Bücher erschienen, nämlich im "kapitalistischen" Westen. Er wollte sich nur in der DDR denken - wenngleich nicht in dieser DDR.

          In seinem Buch erhebt Heym Klage gegen die Verwalter der sozialistischen Heimstatt, weil sie blind waren gegenüber dem kostbaren Erbe in ihren Händen, taub gegenüber den Lehren der großen Väter, unempfindlich gegenüber den Verheißungen aus der Vergangenheit. Er schildert die spießige Büttelmentalität der Funktionäre, die hinter jeder Abweichung von der jeweils gültigen Linie das Sakrileg witterten und hinter jeder kritischen Anmerkung die Konterrevolution. Er verzeichnet die staatlichen Maßnahmen, öffentliche und "konspirative", mittels deren die Abweichler eingeschüchtert, zur Räson gebracht, im Bedarfsfall ruiniert werden sollten. Er beschreibt die Ängste der Betroffenen, auch die eigene Angst, den Aufwand an Zivilcourage, den die Standhaftigkeit kostete, die Zusammenbrüche derer, die sich überwältigen ließen.

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