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Rezension: Belletristik : Vergipste Aussichten

  • Aktualisiert am

Virginia Woolfs Roman "Die Jahre" · Von Ingeborg Harms

          6 Min.

          Es gibt eine spezifisch britische Melancholie, die das Gegenteil des Idealismus ist. Sie markiert die Schnittstelle zwischen exzessiver Selbstbeobachtung und gesellschaftlicher Geschmeidigkeit. In ihr lagert sich das verhinderte Ausdrucksbedürfnis des Individuums ab: Überschwengliche Emotionen, ironische Aperçus, subversive Impulse, alles, was einen neuen Anfang machen möchte, wird in ihrem Element gebrochen und auf unheimliche Weise in reflexiven Arabesken stillgestellt. T. S. Eliots 1917 entstandenes Gedicht "The Love Song of J. Alfred Prufrock" führt vor, wie poetisch solche subjektive Dekadenz sein kann.

          Virginia Woolf hat mit ihrem Generationenroman "Die Jahre", der jetzt in neuer Übersetzung auf deutsch erschienen ist, eine Anatomie dieser Melancholie geschrieben. Das 1937 erschienene, sich in elf Kapiteln über mehr als fünfzig Jahre erstreckende Buch schildert anhand der Familie Pargiter eine in leeren Umgangsformen stagnierende Oberschicht und das Unvermögen ihrer Kinder, trotz klarsichtiger Selbsteinschätzung aus den Konventionen auszubrechen. "Die Jahre" sind aus einem Essay zur Lage schreibender Frauen entstanden, der sich zunächst in einen Essay-Roman mit alternierenden theoretischen und fiktionalen Kapiteln verwandelte, um schließlich nach massiven Streichungen zu einem reinen Roman zu werden. Die Euphorie, die Woolf zu Beginn der dreißiger Jahre bei der Konzeption des Buches empfand, mündete gegen Ende der Arbeit in starke Zweifel. Das faktenreiche Gesellschaftspanorama gab den optimistischen Überschuß nicht her, den die Autorin sich von ihrem Röntgenbild erwartet hatte. Die Stärken des Buches liegen in der Lyrik der Entsagung, während die Kräfte, die für eine Befreiung aus dem petrifizierten Alltag sprechen, blaß und wenig überzeugend bleiben.

          Der Roman beginnt 1880 mit einem Besuch Colonel Abel Pargiters bei seiner Geliebten, einer Frau der Arbeiterklasse, die in schäbigen Verhältnissen lebt. Der Besuch ist freudlos und verhuscht, Geld wechselt die Hände, beide spielen ihre Rollen schlecht. Die Szene wechselt, und Pargiter betritt den häuslichen Salon, in dem seine vier Töchter und einer seiner drei Söhne beim Tee versammelt sind. Die Atmosphäre ist auf Strindbergsche Art gedrückt, zum despotischen Vater gehört eine bettlägerige Mutter im ersten Stock: Pargiters "Frau lag im Sterben; starb aber nicht".

          Die Töchter gehen auf unterschiedliche Weise mit ihrem Schicksal um. Eleanor, die Älteste, widmet ihr Leben nach dem schließlich doch eintreffenden Tod der Mutter der väterlichen Haushaltsführung. Delia wünscht ungeduldig das Ende der Mutter herbei, das ihr den Zugang zum Heiratsmarkt eröffnet. Nur die kindliche Rose wartet nicht auf künftige Freuden, sondern stiehlt sich an der Amme vorbei auf die Straße. In der Dunkelheit begegnet sie einem Exhibitionisten und vermag das traumatische Erlebnis niemandem mitzuteilen.

          Roses späteres Leben als ihr Äußeres vernachlässigende Suffragette ist Folge dieses unverarbeiteten Schocks. "Was für ein schreckliches Leben Kinder haben!" bemerkt ihr Bruder Martin dreißig Jahre später. "Ja", antwortet Rose: "Und sie können keinem etwas davon erzählen." Ihrem Tagebuch zufolge beabsichtigte Woolf, einen Roman über "das sexuelle Leben der Frauen" zu schreiben. Doch dieses Leben ist im vollendeten Werk nur ex negativo vorhanden. Eleanor opfert ihre Jugend einer inzestuösen Vaterliebe, ihre Schwestern heiraten wie ihre Cousine Kitty respektable Kandidaten.

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