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Rezension: Belletristik : Verbannung einer Ente

  • Aktualisiert am

Henrik Stangerup reist mit Kierkegaard / Von Ralf Konersmann

          3 Min.

          In einer Nachschrift erzählt Henrik Stangerup die Entstehungsgeschichte seines Buches. Demnach hat er ursprünglich über Sören Kierkegaard schreiben und eine Trilogie abschließen wollen, die er Ende der achtziger Jahre mit dem Lebensbild Peter Wilhelm Lunds begonnen und mit einem Buch über Ludwig Möller fortgesetzt hatte. Dieses Vorhaben hat er aufgegeben. Zum einen sah Stangerup ein, daß Kierkegaard seine Romane bereits selbst geschrieben hat. Zum anderen hätte ein solches Unterfangen einen "griesgrämigen Tonfall" erzwungen und die alte, seit den Tagen von Andersens Märchen kolportierte Leidensgeschichte nur ein weiteres Mal aufgewärmt: die Verstoßung aus dem "Entenhof" Dänemark.

          Stangerup hat sich also anders entschieden. Er hat das Jahrhundert gewechselt und mit ihm die Titelgestalt. Gleichwohl drängt sich der Gedanke auf, daß die Ausgangsidee nicht gänzlich aufgegeben sei. Zu deutlich ist die Geistesverwandtschaft der neugefundenen Hauptfigur mit dem dänischen Philosophen. Auch Bruder Jacob erduldet jene "Krankheit zum Tode", die Kierkegaard als Verzweiflung erkannte, und manche Seite dieses Romans klingt, als sei sie geradewegs seinen Tagebüchern entnommen. "Da ist Anklage von allen Seiten, und in diesem Augenblick kann die Seele, so sonderbar es klingt, nicht glauben, daß sie je erlöst werden kann, es sei denn, sie fühlt aufrichtig, daß sie noch nicht die volle Strafe erhalten hat, und weiß aufrichtig, daß der Weg zur Erlösung, Bürger von Kopenhagen, arme Leute, darin liegt, das Gehirn zu zermartern und die Bibel zu lesen." So läßt Stangerup die Stimme von Magister Tausanus, dem dänischen Lutheraner, durch die Heiliggeistkirche dröhnen.

          So wenig wie Kierkegaard ist dieser Bruder Jacob eine fiktive Gestalt. Stangerup hat ihn dem Vorbild Jakobs des Dänen nachempfunden, des legendären Bruders von Christian II. Aus Erbschaftsgründen von Christian verleugnet, trat der historische Jakob zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts dem Franziskanerorden bei. Er legte sich mit den lutherischen Reformatoren an, nahm zügig die Stufen der Ordenshierarchie und mußte schließlich doch der von seinem Bruder gestützten Übermacht weichen. Am 2. September 1537 wurde die lutherische Kirchenordnung in Dänemark Gesetz. Wenig später verläßt Jakob, inzwischen 56 Jahre alt, das Land. Er begegnet dem Kaiser in Spanien und schifft sich zu einer Missionsreise in die Neue Welt ein. Auch hier erwarten ihn dogmatische Händel, insbesondere über die von ihm verteidigte religiöse Gleichstellung der Indianer. Jakob unterliegt in einer Disputation seiner Thesen und stirbt Mitte der sechziger Jahre im Kloster Tarecuato.

          Stangerup hält sich eng an die Vorlage. Die historischen Tatsachen dienen ihm als Fixpunkte eines grandiosen Panoramas aus Bildern und Gedanken, Dialogen und Visionen, in denen der Alltag und die Sehnsüchte eines Zeitalters lebendig werden. Die Komparserie ist prominent besetzt: Amerigo Vespucci, François Rabelais, Christoph Kolumbus, Thomas Morus, Erasmus. An ihnen und ihren Zeugnissen vorbei führt der Lebensweg eines Mannes, für den Glauben und Vernunft nur als Einheit begreiflich sind. Stangerup verschweigt nicht, wieviel Mut und Beharrlichkeit diese Haltung verlangt. Schwere Prüfungen verwandeln Jacobs Leben in die Tragödie des Rechtschaffenen, der einer Autorität nicht länger dienen kann, die Glaubensgrundsätze zu Machtinstrumenten herabwürdigt, und der doch seine Loyalität niemals aufkündigt, weil er ihr alles verdankt, was er ist, was er soll und was er weiß.

          Jacobs Schicksal ist die Verstoßung, und mit den Jahren - darin besteht seine "Entwicklung" - begreift er sie als das Schicksal seiner Zeit. In einer genauen Beobachtung hat Goethe die historische Leistung Francis Bacons darin erkannt, daß er über alles, was bis dahin auf der Tafel des Wissens verzeichnet gestanden, mit dem Schwamme hingefahren sei. Jacob erleidet die Realität dieser Geste schon hundert Jahre früher. Zu den Leitmotiven des Romans gehört die Zerstörung, und nicht von ungefähr beginnt der Text mit der Auslöschung eines Altarbildes durch die lutherischen Ikonoklasten: "Kalk drüber". Doch die Taten der Bilderstürmer sind nur das Vorspiel eines Reigens der Vernichtung. Zerrissen werden die Schriften der Kirchenlehrer und der lateinischen Philosophen, zerschlagen werden die indianischen Gottheiten: "Ins Feuer". Die Verheißungen der Neuen Zeit und der Neuen Welt beginnen mit der Auslöschung von Spuren und Zeichen, und nirgends steht Jacob seinem philosophischen Nachfahren Kierkegaard näher als in dieser Position verzweifelter Augenzeugenschaft.

          Die Brisanz dieses historischen Romans liegt in solcher Verlustempfindlichkeit. Dabei ist Stangerup Erzählkünstler genug, um die Selbstgerechtigkeit der gängigen Moralismen und die längst zerredeten Großworte ("Humanismus") zu meiden. "Bruder Jacob" ist kein Traktat. Eher gleicht der Roman einem Itinerar, einem "Wanderbüchlein", und fast möchte man meinen, dies sei die Schrift, die Jakob der Däne ganz ebenso hätte verfassen können. Doch Stangerup baut allen Verwechslungen vor. Er modifiziert die Namensschreibung und läßt seinen Jacob daran zweifeln, ob er sich aus seinen eigenen Erzählungen überhaupt etwas mache. Diese Geschichte einer Verstoßung ist zugleich die Geschichte einer Desillusionierung. Von all seinen Träumen bleibt Jacob nur ein einziges Wort: ",Franz'! Der Name ist Liebe." Stangerups Roman folgt den Gedankenpfaden seines Helden bis zu diesem Geständnis, und es gelingt ihm das Kunststück, es als Vermächtnis einer weitentrückten Zeit verständlich zu machen.

          Henrik Stangerup: "Bruder Jacob oder Die Reise zum Paradies". Roman. Aus dem Dänischen übersetzt von Wolfgang Butt. Luchterhand Literaturverlag, München 1995. 446 S., geb., 48,- DM.

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