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Rezension: Belletristik : Vaterkind, Tochterkomplex

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Die kleinen Freuden und großen Leiden der Anne Frank sind zu einer Art moderner Legende geworden, und das Haus in Amsterdam, in dem sich das Mädchen eine Zeitlang vor den Nationalsozialisten verbergen konnte, betreten Besucher heute mit einer Mischung aus Neugier, Ehrfurcht und Beklommenheit. Die Geschichte ...

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          Die kleinen Freuden und großen Leiden der Anne Frank sind zu einer Art moderner Legende geworden, und das Haus in Amsterdam, in dem sich das Mädchen eine Zeitlang vor den Nationalsozialisten verbergen konnte, betreten Besucher heute mit einer Mischung aus Neugier, Ehrfurcht und Beklommenheit. Die Geschichte einer Liebe gerade an diesem Ort ihren Anfang nehmen zu lassen ist deshalb, gelinde gesagt, ein Wagnis. Wird die Last der Vergangenheit nicht zu schwer dafür sein? Läuft eine solche Anleihe beim Historischen Gefahr, die tragische Wirklichkeit zu banalisieren? Und rechnet die Symbolik eines Romans, der bei Anne Frank beginnt, seinen Fortgang in Jerusalem nimmt und schließlich nach Hollywood führt, nicht allzu leichtfertig mit der raschen Sympathie einer betroffenen Leserschaft hinsichtlich jüdischen Schicksals im zwanzigsten Jahrhundert?

          Das Erstaunliche, ja Außerordentliche an Jessica Durlachers Roman "Die Tochter" ist, daß all diese Klippen vermieden werden. Mit großer Virtuosität wird vielmehr eine komplizierte Geschichte erzählt von Opfern und Tätern, von Schuld, Täuschung, Verrat und der Sehnsucht nach Vorbildern und Helden. Schon in ihrem ersten, in den Niederlanden vielgelesenen und preisgekrönten Roman "Das Gewissen" hatte Durlacher Angehörige der sogenannten "zweiten Generation" ins Zentrum gerückt, zwei Studenten, die an der Vergangenheit ihrer jüdischen Väter als Opfer des Nazi-Terrors leiden, sich der Last ihrer Familiengeschichten aber erst allmählich bewußt werden. In ihrem neuen Roman erzählt sie von einer jungen Frau, die ihr Selbstverständnis vollständig auf das Wissen gründet, Tochter eines von den Nationalsozialisten Verfolgten zu sein, der ein Schicksal erlitten hat, das dem der Anne Frank zu gleichen scheint.

          Mit ihrer hemmungslosen Bewunderung für den Vater, der die Schrecken der Konzentrationslager überlebt hat, und getrieben von einer geradezu aufdringlichen Neugier auf alles Jüdische irritiert jedoch Sabine Edelstein ihren Freund Max Lipschitz beträchtlich. Zwar kennt auch Max, Erzähler des Romans, das Schicksal verfolgter Juden aus den Erinnerungen seiner Eltern, doch erscheint ihm jedes Gespräch darüber wie ein Verrat: "Mit KZ-Leid durfte man nicht auftrumpfen. Lieber schweigen, als in den Verdacht geraten, man wäre womöglich stolz auf das Elend." Jene selbstgefällige Attitüde, die aus Sympathiebekundungen für die Verfolgten der Vergangenheit Belege für eigenes Gutmenschentum zu destillieren versucht, ist Thema des Romans.

          Bei diesen unterschiedlichen Voraussetzungen kann die Annäherung zwischen der redseligen jungen Frau und dem stillen Max nur langsam vonstatten gehen. Erst im gleißenden Licht Israels legt Max seine Zurückhaltung gegenüber der Freundin ab, gesteht sich und ihr seine Liebe ein und öffnet sich auch den religiösen Traditionen, von denen er bislang nichts wissen wollte, obwohl er selbst einer jüdischen Familie entstammt. Alles scheint im Lot, und fast glaubt man sich einem spannungsarmen Happy-End nahe, als die Liebesgeschichte jäh unterbrochen wird. Sabine verläßt Max, ohne einen Grund dafür zu nennen. Die tiefe Kränkung, die diese Trennung bei Max hervorruft, und seine jahrelange Suche nach den Ursachen des vermeintlichen Liebesverrats geben den Anstoß zu einer Art Detektivgeschichte. Aus vielen Mosaiksteinchen entsteht das Bild einer Vergangenheit, die viel komplizierter ist, als Sabine es lange Zeit wahrhaben wollte. Der Schock über die wahre Identität ihres Vaters hat die junge Frau so überstürzt alle vertrauten Bindungen fliehen lassen.

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