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Rezension: Belletristik : Unter zittrigem Mond

  • Aktualisiert am

Ein früher Roman Jakob Wassermanns Von Rolf Vollmann

          6 Min.

          Jakob Wassermann, aus Fürth wie Kellermann (der mit dem "Tunnel"), debütierte im Jahre 1896 mit "Melusine", einem Roman, den er dann gern verschwiegen hat - beinah wie Heinrich Mann sein "In einer Familie" (1894); aber vielleicht drückt sich etwas wie ein Gewissen über den Verrat der ersten Liebe darin aus, daß ein schönes Mädchen im zweiten Roman, dem unseren, den er dann immer für seinen ersten ausgegeben hat, sich, obgleich sie Jeanette heißt, Luisina nennt - Melusine, als "Mere Lusine", ist die legendäre Ahnfrau des Hauses Lusignan, lateinisch Lusinia. Kellermann, der andere große Sohn Fürths, hatte 1904 und 1906 ebenfalls mit Liebesromanen angefangen, "Yester und Li" und "Ingeborg"; man würde ihn verstehen, hätte er sie verleugnet wie Wassermann seine "Melusine", aber er hat es nicht getan.

          Wassermanns legitimierter Erstling aus dem Jahre 1897, den wir hier vor uns haben, spielt in Fürth oder dicht bei Fürth; von Höhen, auf die seine Leute nachts manchmal gehen, sehen sie die Lichter Nürnbergs. Cadolzburg wird genannt als ganz in der Nähe liegend - in Cadolzburg sitzt aber nun der kleine Verlag ars vivendi, der eben mit Wassermanns Buch den zwölften Band einer kleinen klassischen Romanbibliothek vorlegt. Das ist irgendwie liebenswürdig und schön, dies mit Wassermann und Cadolzburg; bei ars vivendi (Lebenskunst) machen sie sonst Kaffeehausführer oder Kalender etwa mit Friedhofsnymphen. Vielleicht bringen sie nach weiteren zwölf Bänden irgend etwas lang nicht Gedrucktes von Kellermann - dann wird alles noch viel schöner zusammenhängen, als es jetzt schon hängt.

          ,Gemächlich schwebt die Zeit hin über die Länder und über die Geschlechter, und wenn sie auch Städte zertritt und Wälder zerstampft . . ." - so beginnt der erste Teil des Buchs, der kurz nach Wallenstein dort im Fränkischen spielt und eine messianische, überall in Europa auftretende Bewegung unter den Juden zum Gegenstand hat. Der Stil ist ein ganz kleines bißchen holzschnittartig nach der Art fiktiver Chroniken, mit sehr einprägsamen jüdischen Charakterfiguren, deren Namen Wassermann meistens aus tatsächlichen Chroniken genommen hat. Man liest diesen Teil ganz gern, aber man freut sich dann doch, wenn nach sechzig Seiten endlich der eigentliche Roman losgeht. Romane, wenn sie in allzulang verblichener Zeit spielen, sind oft ein bißchen ermüdend. Der eben anzitierte erste Absatz des ersten Teils endet damit, daß die in allem Schweben der Zeit ewig sich erhaltende Heimat es ist, die immer noch ihre Söhne zu dem macht, was sie dann werden: so daß der Sinn dieses ersten Teils insgesamt zu sein scheint, die Kontinuität aufzuzeigen zum Heute hin.

          Im Heute, dem des jungen Wassermann, bewegen sich denn auch zu unserem Glück die Leute im Hauptteil des Buchs; der Roman beginnt im Sommer 1885 - hier sein erster Satz: "Im Jahre 1885 fing es in den Ebenen der Rednitz und Pegnitz einige Tage nach Mariä Himmelfahrt an zu regnen, und es regnete unaufhörlich bis über die Mitte des August hinaus" - und endet, auch im Wasser, mit dem bekannten Tode Ludwigs; zwischendurch, zu Beginn des zentralen zehnten Kapitels, ist Mittag, und es heißt: "Die strahlende Mittagssonne leuchtete, als Agathon von der Höhe herabstieg ins Dorf" - jedermann denkt hier, jedermann damals, 1897, dachte hier jedenfalls an Nietzsches Zarathustra, und wenn man das verzweifelt Sintflutartige des anfänglichen Regens dazunimmt und am Ende den für uns Heutige absolut verblüffend ins Messianische hinaufstilisierten Tod des Kinis, dann sieht man ein bißchen, was der junge Wassermann sich da vorgenommen hatte.

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