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Rezension: Belletristik : Unter der Rollsonne

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Peter Matthiesens Roman "Far Tortuga" · Von Heinrich Detering

          Wenn das Mittagslicht senkrecht fällt, wirft ein Mensch keinen Schatten. Es ist die gefährlichste Zeit des Tages, "weil die Schatten von den Toten fliegen rum und schauen nach Leuten, die wo kein Schatten ham". Die Helden dieses Buches sind Leute, die wo kein Schatten ham, und deshalb hängt der Tod sich an sie und lässt sie nicht los, ehe er sie auf den letzten Seiten hinabgezogen hat in den Ozean. Schildkrötenfänger sind sie, im karibischen Meer zwischen den Cayman Islands, Kuba und Nicaragua. Nur einer dieser Schattenlosen stolpert am Ende doch noch ans blendend weiße Ufer, am äußersten Rand unseres Leserhorizonts, beinahe schon unsichtbar auf der Grenze zum letzten, leeren Blatt.

          Aber welche Abenteuer gibt es bis dahin zu lesen! Von Haien und Piraten wird erzählt, von Korallenriffen und Mangrovenküsten und von Indianern auch; selbst wer nicht mehr wissen sollte, was das Wort "Greenhorn" bedeutet, findet die Antwort auf die Eröffnungsfrage von Winnetou nun auch in der Karibik. Einen Abenteuerroman von großem Format hat der in New York lebende Peter Matthiesen geschrieben. Und ein Kunstwerk, dessen erzählerische Meisterschaft weniger an Shatterhand und Schatzinsel denken lässt als vielmehr an Steinbeck, an Melville und Conrad. Wie dort ergibt sich die existenzielle Gleichnishaftigkeit des Geschehens so unaufdringlich von selbst, weil sie in einem erfahrungsgesättigten Realismus gründet.

          Auch hier also ist beim Katboot "das Segel auf Gaffel getakelt, und es gibt einen kleinen Klüver"; und wie man Kingfish häutet, ist hier so anschaulich zu lernen wie das Zerlegen des Wals bei Melville. So entsteht trotz aller Bewegung ein gelassener, ruhiger Erzählrhythmus; die Geschichte lässt sich Zeit. Wenn auf Seite zweiundfünfzig das Boot endlich in See sticht, nein: sich langsam "weg vom Ufer bewegt", dann kennen wir seine Besatzung ebenso genau wie die Konstruktion ihres unverdrossen unter dem Namen "Eden" segelnden Schiffes. Und wir wissen von "Far Tortuga", dem fernen Schildkrötenland.

          Am Ende ist Far Tortuga wohl nur eine Inselruine irgendwo in der Karibik. Aber es bleibt auch die Fata Morgana eines zwielichtigen Traumlandes: eine versinkende Welt, deren Status zwischen Wirklichkeit und Utopie keineswegs entschieden ist. Auf dem Weg dorthin segeln auch diese Nachfahren von Kapitän Ahab und Kapitän Marlow ins Herz einer Finsternis, die nur von ferne noch an das Paradies erinnert, das sie vielleicht einmal gewesen ist. Was sich hier im kalten Morgenlicht zeigt, gilt ohne Ausnahme: "Die Welt ist leer."

          Immer ähnlicher werden in dieser Welt die Fänger und die Schildkröten einander. Wie Schattenbilder ihrer Verfolger umkreisen auch die Schildkröten das im Sturm versunkene Riff von Far Tortuga, hundert Jahre lang, bis sich wirklich eine neue Insel gebildet hat und sie wieder an Land gehen können. Und wie ihr von dieser Hoffnung getriebenes Leben, so geht auch ihr langsames Sterben dem ihrer Jäger voraus, mit denselben Symptomen, denselben Vokabeln. Dennoch bleiben diese Tiere bis zum Ende so fremdartig wie ein weißer Wal. Noch die wenigen Exemplare, die den Fängern in die Netze gehen, umgibt die Aura des Mythischen. Wer sie auf den Rücken dreht, wird aus der Maserung ihres Bauchpanzers von einem fremden Gesicht angeblickt. Wenn am Ende die letzte Schildkröte sterbend versinkt, starrt dieses Gesicht noch immer aus den Wellen, ausdruckslos, blass und nun "leer": als spiegle sich in ihm der Schauplatz dieses Endspiels.

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