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Rezension: Belletristik : Unter dem Zeichen des Saturn

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Schillers "Wallenstein" im Deutschen Klassiker Verlag

          5 Min.

          Um Schillers Hauptwerk, den "Wallenstein", ist es in den letzten Jahrzehnten still geworden. Die Zeit, da Hansgünther Heyme in Köln mit der gerafften Trilogie Furore machte (1969), Walter Felsenstein die deutsche Politikerprominenz, angeführt von Franz Josef Strauß, an gleich zwei Abenden zur Premiere ins Münchner Residenztheater lockte (1972) - Ernst Schröder spielte damals die Titelrolle, die blutjunge Ulla Berkéwicz die Thekla -, liegt drei Jahrzehnte zurück, und die unvergessene Verkörperung des kaiserlichen Generalissimus durch Werner Krauß und Gustaf Gründgens (nicht lange vor seinem Tod) ist nur noch ferne Legende.

          Wie kann es sein, daß sich kaum ein Regisseur von Rang mehr an die bedeutendste politisch-historische Tragödie der deutschen Literatur heranwagt? Goethe würde vielleicht - wie zu den Schiller-Gegnern seiner Zeit - gesagt haben: "Der Mann ist euch zu groß." In der Tat: Es ist heute nicht leicht, ein Ensemble von Schauspielern zu versammeln, das noch über die Stimmtechnik und den großen Atem verfügt, Schillers teils lyrisch hochgespannte, teils in musikalischem Parlando dahingleitende Verssprache zum Klingen zu bringen. Hier kann man nicht in theatralen Aktionismus ausweichen - wie das beim "Faust" allenfalls möglich ist -, hier steht und fällt alles mit der Sprache und der prosodischen Kunst.

          Der Logos, nicht der Mimus dominiert in dieser Trilogie, die in der Tradition des rhetorisch-deklamatorischen Theaters romanischer, zumal französischer Provenienz steht. Doch es mehren sich die Zeichen, daß mit der Renaissance eines lange geschmähten Literaturtheaters auch Schillers klassische Dramatik wieder auf der Bühne heimisch wird - gegenwärtig sogar in England. Drei Jahrzehnte nach Felsenstein gelangt "Wallenstein", zu einem Abend zusammengezogen, in einer Inszenierung von Anselm Weber nun auch wieder auf die Bühne des Münchner Residenztheaters.

          Schillers Opus magnum liegt jetzt in einer opulenten Ausgabe des Deutschen Klassiker Verlages vor, ausgiebig kommentiert, mit allen Varianten, Paralipomena, wesentlichen Zeugnissen zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte, der Urfassung von "Wallensteins Lager" und - hier zum erstenmal überhaupt abgedruckt - dem von Schiller selbst erstellten Hamburger Theatermanuskript von 1800/1802. In dieses bisher nur Archivbesuchern zugängliche Manuskript, das textgeschichtlich der Buchausgabe vorausliegt, ist manches hineingeheimnißt worden, gar ein anderes - letztwilliges - Wallenstein-Bild. Davon kann in dieser konzentrierten Bühnenversion freilich kaum die Rede sein.

          Man könnte mit diesem materialreichen, in Zukunft wohl unentbehrlichen Band vollauf glücklich sein, gäbe es da nicht die "Deutungsaspekte" des Herausgebers Frithjof Stock, die hinter den vielfach aufregenden Erkenntnissen zu "Wallenstein" in den letzten Jahrzehnten allzu risikoscheu zurückbleiben. Als die "Bibliothek Deutscher Klassiker" geplant wurde, gab es unter den Herausgebern vehemente Diskussionen über die Gestalt des Kommentars, ob dieser ein reiner Sachkommentar bleiben oder auch Interpretationen der Herausgeber einbeziehen solle. Zu den entschiedenen Verfechtern des asketischen Sachkommentars gehörte seinerzeit Albrecht Schöne. Gerade er hat sich in seiner "Faust"-Edition jedoch an die eigene ursprüngliche Richtschnur nicht gehalten - glücklicherweise. Sein Kommentar, so anfechtbar er in vielen Details ist, so sehr man sich über ihn ärgern und streiten kann, stellt doch in seiner Art eine dem Text kongeniale Interpretation dar.

          Das kann man von Frithjof Stocks Deutung des "Wallenstein" schwerlich sagen. Hier beugt sich ein gelehrtes Haupt über Schillers genialen Text wie über eine Seminararbeit, ja dieser Deutungsversuch ist selber eine etwas papierene Seminararbeit, welche die Trilogie auf Vorzüge und Mängel untersucht, sorgfältig vermeintliche Widersprüche und Motivierungsschwächen auflistet - nicht zuletzt, um sich von der "heute ohnehin obsoleten Klassiker-Pietät" abzusetzen, freilich großmütig konzedierend, daß solche Widersprüchlichkeit zugleich die "Lebendigkeit" einer Dichtung ausmacht. Oft hätten die Worte "mehr Klang als Inhalt" - zumindest nicht den eindeutigen, den der Herausgeber offenbar erwartet -, "was Überdruß hervorrufen kann". Ob nicht eher derart hausbackene Wertungen Überdruß hervorrufen?

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