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Rezension: Belletristik : Und wir? Ach, wir

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Cees Nootebooms Berlin-Dämmerung / Von Thomas Poiss

          Der niederländische Dokumentarfilmer Arthur Daane durchstreift in Cees Nootebooms Roman "Allerseelen" die Stadt Berlin, wo er auf Aufträge wartet und mit seiner Kamera Notizen macht. Daane hat reichlich Zeit, die Baugruben am Potsdamer Platz und U-Bahn-Aufgänge zu filmen. An die Welt binden ihn ein Anrufbeantworter und eine Telefonfreundin in Amsterdam, dazu eine kleine Tafelrunde in Berlins "Pfälzischer Weinstube" und eine Fotografie auf seinem Schreibtisch. Von dieser blicken Roelfje und Thomas in Daanes Leben: seine Frau und sein vierjähriger Sohn, die vor zehn Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind. Sie sind der Grund für Daanes "ständige Abwesenheit", für die beinahe gedächtnislose "Durchsichtigkeit", die die Welt durch ihn hindurchstürzen läßt wie durch seine Kamera. An diese "Freiheit, die ihn so von den anderen isolierte", rührt plötzlich eine Frauenhand. Beim Griff nach der Zeitung "El País" in einem Café kommt sie eine Sekunde zu spät; als Daane den Blick hebt und die Zeitung anbietet, blickt er auf die wütende Maske eines drahthaarigen "Berberkopfes" und eine Narbe auf der Wange, ehe die Unbekannte trotzig mit "Le Monde" abzieht. Doch von da an entgleitet Daane den Riten seiner Berliner Welt. Er erkennt die junge Frau beim Filmen einer U-Bahn-Station wieder, folgt ihr in die Staatsbibliothek und lädt sie zu einem Ausflug zur Pfaueninsel, zur Glienicker Brücke und ins Dorf Lübars ein.

          Dort, im Norden Berlins, läßt sie ihn sitzen, was zu einer durchzechten Nacht und einem durchsuchten Tag führt, an dessen Ende Elik Oranje, so heißt die Fremde, Daane an der Schwelle zu seiner Wohnung erwartet. Ihre Hand, die sie ihm wenig später gegen die Brust drückt, bestimmt alles weitere Geschehen. Die sinnlichen Begegnungen der beiden dauern nur kurz, die Tage und Wochen dazwischen werden ausgefüllt durch Filmaufträge, Geschichtsreflexionen bei deutscher Hausmannskost und Gespräche mit Elik, die ihr Leben andeutet. Geboren als Tochter einer Niederländerin und eines Unbekannten, wird sie von einem der Freunde ihrer Mutter als Kind im Gesicht verletzt und schließlich von ihrer holländischen Großmutter aufgezogen. Geblieben ist der Wille, allein zu sein. Sie widmet sich ganz einer Dissertation über Urraca, eine Königin von León-Kastilien im zwölften Jahrhundert. Sie, die gegen ihren eigenen Mann, Alonso von Aragón, Krieg führte, wird zum mythischen Muster im Hintergrund der Geschichte mit dem Kameramann, zu dem sie geht, wann sie will. Immer ist sie es, die zu seiner Wohnung kommt, nur einmal holt sie ihn in der Weinstube aus der Runde der Freunde ab und nimmt ihn mit zu sich, in ein Souterrain-Zimmer irgendwo am Prenzlauer Berg, knapp hinter dem ehemaligen Todesstreifen.

          In dieser verstörenden Nacht berührt Daane die Narbe und zerbricht, was in diesem Buch Liebe heißt. Er erwacht allein in dem fremden Zimmer und fährt ohne Abschied für einen Film nach Japan; sie kann sich nicht verzeihen, was sie altmodisch "Hingabe" nennt, und verschwindet nach Spanien zu Archivstudien, nicht ohne vorher eine Spur gelegt zu haben. Daane reist ihr nach, und so kommt es zu einer Aussprache in Madrid: "Während du in Japan warst, war ich schwanger." Das Imperfekt dieses Satzes löscht nicht nur ein Leben. Elik stößt Daane mit solcher Wut und Wucht aus ihrer autonomen Existenz, daß er benommen und bald auch betrunken durch die Madrider Nacht stolpert. Idiotischerweise hat er seine Kamera mitgeschleppt und wird bei einem Raubüberfall fast totgeschlagen. Nach der Genesung zögert Daane, ob er seine "Todesbotin" suchen soll, um sich in der letzten Sequenz des Buches doch für die Heimfahrt unter den "hohen Himmel des Nordens" zu entscheiden.

          Hält man auf dieser Stufe inne, so drängen sich die Mängel von selbst auf. Zwar inszeniert Nooteboom präzise und ökonomisch die Erfahrungen seines Berlin-Aufenthaltes im Jahr der Wende, dem die "Berliner Notizen" (1990/1991) entsprangen, doch Figuren wie die Teilnehmer der Tafelrunde bleiben flach. Vom Intellektuellen Arno erfährt man, daß er struppige Haare und eine dicke Brille hat, Zenobia als typische Russin trinkt und heult ("cheult") gern, der Bildhauer Victor ist ein "einfacher pessimistischer Bildhauer". Es sind Masken, deren Gesprächsbeiträge durch Lebensgeschichten kaum individualisiert werden, so daß die Dialoge des Quartetts einem gehobenen Stammtisch ähneln: Von prähistorischen Funden und Hildegard von Bingen über Hegel und Nietzsche zum Handkäse, zur Voyager-Raumsonde und deutscher Geschichte erstreckt sich das Meinen und Bescheidwissen. Auch Elik bleibt eine Frau ohne Duft, reduziert auf die Narbe und ihren Willen.

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