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Rezension: Belletristik : Und was so alles passiert

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Bis zum Anschlag: Jay McInerney erzählt von Wilhelm dem Wilden

          Es gibt zwei Sorten von spätnachts heimkehrenden Söhnen. Solche, die "sich still und leise ins Haus" zurückschleichen und solche, die "trotzig die Reifen quietschen lassen und die Türen knallen". Der Teenager Will Savage gehört zu letzterer Sorte. "Die Hölle ist ein Einfamilienhäuschen", schreibt Jay McInerney. Dann tauscht Will das traditionsstolze Heimin den Südstaaten, den tyrannischen Vater und die apathische Mutter mit einem Internat in Neuengland. Er stürzt sich in ein neues Leben und probiert dabei mehr, als er studiert: vornehmlich Drogen, das Kamasutra und Gitarrespielen. Patrick Keane, Wills Zimmernachbar, lauscht den schrägen Akkorden und dem wirren Gerede von der Weltrevolution aus purer Höflichkeit. Doch Will beweist Charakter und Charisma, gewinnt Groupies und Jünger für seine Theorien.

          Viele thematische Fäden laufen beim Erzähler Patrick zusammen, der ein Mittler wider Willen zwischen Will und dessen herrischem Vater Cordell ist. Patrick verstrickt sich dabei in deren Intrigen, einschließlich Enterbung, Beischlaf mit der Schwiegertochter, Vatermord. Als Will dann nach verpatztem Studium merkt, daß man den Blues nicht essen kann, macht er als Produzent heisere Sänger zu großen Stars und wird reich. Patrick aber begibt sich nach einem Zusatzstudium in Yale geradewegs in eine Kanzlei, gründet eine Familie und findet dennoch kein Glück. Er neidet dem Freund die Freiheit und ekelt sich vor dem Dreisatz der Juristen: "Wir trinken Scotch; wir spielen Golf; wir sind verheiratet."

          Während der Leser im Verlauf der Handlung Sympathien für den unbedarften Patrick entwickelt, ihn gerne begleitet auf den Wegen seines lauen Lebens, ist die Figur des Musikmoguls Will überzeichnet. Die Suche nach Gleichheit und Gerechtigkeit, die McInerney im Schlußabsatz seines Buches als Anliegen deklariert, mag man diesem Millionär nicht glauben. Aber die überbelichtete Kunstfigur ist zu diesem Zeitpunkt längst ein heimlicher Mitläufer des Systems. Erscheint die eingangs versprühte College-Romantik mit ihren "Clubs der toten Dichter" lebendig und von Idealismus durchtränkt, so wirken die Ausschweifungen des erwachsenen Wills - seine Lehrreisen von "Haschspelunke zu Jet-set-Orgie, von Fixertreff zu Zenkloster" ziellos und bemüht. Der Zwang zum Zwanglosen wird offenbar, und vor allem scheint er dem Diktat unterworfen zu sein, daß ausgerechnet zwischen diesen Buchdeckeln das ganz große Leben zu finden sei. Zeitgenössische Idole werden gewaltsam hineingepreßt - die Romanhelden begeben sich auf Sauftouren mit den Stones, auf Seelenreisen mit dem Dalai Lama. Auf Parties werden Elvis und Brigitte Bardot bemüht. Aber die Vielzahl der Personen, die sich überschlagenden Autos und Ereignisse entgleiten der Kontrolle des Autors. Er hat zuviel gewollt, und das angekündigte Epos der jüngsten amerikanischen Geschichte entpuppt sich als große Schaumschlägerei. STEFFEN GNAM

          Jay McInerney: "Das Haus Savage". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Otto Bayer. Goldmann Verlag, München 1997. 349 S., geb., 39,80 DM.

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