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Rezension: Belletristik : Und täglich grüßt der Tanklastzug

  • Aktualisiert am

Entropie, irgendwie: Daniel Kehlmanns Roman "Mahlers Zeit"

          3 Min.

          "Jede Ordnung stürzt ihrer Auflösung zu", schreibt Daniel Kehlmann mit dem Tremolo des biblischen Propheten, "und was getrennt ist, wird eins, und alles, was Grenzen hat, muss diese verlieren." Der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik hat immer wieder Schriftsteller in seinen Bann geschlagen. Robert Coover beschrieb eine Party in den Chiffren von Chaos und Entropie, Thomas Pynchon die irreversible Tendenz zur Selbstzerstörung geschlossener Systeme und Charaktere, und für Don DeLillo ist der Müll ein natürlicher Aggregatzustand sedimentierter menschlicher Hoffnungen und Ängste. Schwieriger wird es, wenn man die Unumkehrbarkeit des Zeitpfeils erzählerisch aufheben will. Es ist dies ein alter Menschheitstraum, den selbst Thomas Harris' Serienmörder Hannibal kürzlich träumte. Bei Borges und Ambrose Bierce werden Todeskandidaten dieser Gnade teilhaftig, in Nicholson Bakers "Die Fermate" nutzt ein Büroangestellter den Stillstand der Zeit zu pornografischen Versuchsanordnungen. In der Scienceficton gehört das Zeitloch zum Alltag, die Hollywood-Version der Zeitschleife hieß "Und täglich grüßt das Murmeltier".

          David Mahler ist ein junger, begabter Physiker, der die lineare Zeit mit vier Formeln ausgehebelt zu haben glaubt, die ihm, wie einst dem Chemiker Kekle, im Traum zufielen. Jetzt versucht er seine Entdeckung einer ungläubigen Fachwelt zu verkünden: "Die Schöpfung enthält Fehler. Gott rechnet, aber . . . manchmal rechnet er schlecht." Die Sterblichen, gleich schwach im Kopfrechnen wie im thermodynamischen Träumen, sind nicht reif für derlei Erkenntnisse. Mahlers Studenten lachen ihn aus, sein Professor winkt ab, der Nobelpreisträger Boris Valentinov zeigt sich skeptisch. Auch die Freundin will nichts von der fixen Idee wissen; der Schauspieler Marcel, ein Selbstporträt des Autors als entmutigter Magier des Alltags, lässt sich widerstrebend dazu herbei, seinem Freund als Chauffeur beizustehen; nach seinem Tod wird er seine Fackel weitertragen.

          Der Gedanke, dass das verkannte mathematische Genie unaufhaltsam ins Unheil - Identitätsverrückung, Wahnsinn, Tod - rennt, ist nun nicht halb so revolutionär wie Mahlers Weltformel. Schon in Daniel Kehlmanns erstem Roman "Beetholms Vorstellung" wurde ein faustischer Zauberkünstler von der Verzweiflung an der Unendlichkeit der Zahl Pi erst in den Schoß der Theologie, dann zur Magie getrieben, bis er am Ende der Schwerkraft trotzen zu können wähnte. Auch in seinem Erzählband "Unter der Sonne" kaprizierte sich Kehlmann auf Grenzgänger, die durch Wunder jenseits der Naturgesetze und sozialen Spielregeln aus dem Alltag gerissen und in den Rachen des Größenwahnsinns geworfen werden.

          Der junge Wiener Autor hebt sich durch seinen unzeitgemäßen Ernst vorteilhaft vom glatten Realismus und den ironischen Sprachspielen seiner Altersgenossen ab. Seinen Geschichten freilich bekommt der Hang zur spekulativen Konstruktion nicht immer. Nicht nur, dass der Mythos des lebensuntauglichen Rechenknechts literarisch weitgehend erschöpft scheint. Die Darstellung eines physikalisch-philosophischen Problems stößt im Roman schnell an sprachliche Grenzen. Der Erzähler bleibt im poetisch Ungefähren; entweder gibt sich seine Physik rasch als Metaphysik zu erkennen, oder sie bleibt literarisch spröde. Streckenweise liest sich der Roman wie die Dissertation seines Helden über "Azyklische thermodynamische Prozesse". Weil er ins Detail weder gehen kann noch will, hält Kehlmann sich an die äußeren Attribute und subjektiven Empfindungen des Unaussprechlichen. "Vor ihm auf dem Tisch lag ein Stoß von dreißig beschriebenen Blättern, bekritzelt in einer großen, zittrigen Schrift: leicht schiefe Kolonnen von Zahlen, Skizzen, Kurven, die sich in weiten Bögen über das Papier schlängelten, Diagramme, die keinen Sinn zu haben schienen, beschriftet mit Zeichen, die er hatte erfinden müssen; aber all das war, wenn man es begriff, von leuchtend perfekter Klarheit." Wer begreift das? Wie sollten Gleichungen Erfahrungen, menschliche Beziehungen oder Lebensentwürfe umstürzen können?

          Gewiss, Kehlmann versucht Formeln in sinnlich-konkrete Formen zu bannen. Aber er wechselt mechanisch von Reflexionen zur Aufzählung von Fakten, aus der fiebernden Innenwelt Mahlers in eine Außenwelt, an der alle Vorahnungen, Traumata und Visionen abprallen. So reiht er Beobachtung an Beobachtung, und nur der gute Wille des Lesers vermag in den kleinen Irritationen und Katastrophen - zerbrochenen Straßenlaternen, brennenden Tanklastern, knurrenden Hunden, flatternden Libellen, unerklärlichen Unund Todesfällen und Himmelserscheinungen - den paranoid verwirrten Geist eines Universitätsdozenten auszumachen.

          Dabei ist Kehlmann ehrgeizig genug, den "Riss in der Unausweichlichkeit" und eine aus den Fugen geratene Zeit in der Erzählstruktur seines Romans abbilden zu wollen: Er bringt die Chronologie durcheinander, verirrt sich zwischen gestern und heute, Kindheitserinnerung und Zukunftsschau; er arbeitet mit Wiederholungen, Synästhesien und Bewusstseinslücken, und je näher sein Mahler der Unio mystica von Erleuchtung und Tod kommt, desto ekstatischer wird der Ton. Aber nicht jede dramaturgische Ungeschicklichkeit lässt sich mit dem Beziehungs- und Verfolgungswahn rechtfertigen, nicht jedes schiefe Bild mit überreizter Wahrnehmungsfähigkeit. Daniel Kehlmann liebt die Menschen, solange sie wie Gott sein wollen. Sein Physiker ist ein verkappter Schriftsteller, der keine naturwissenschaftliche Einschränkungen seiner Fantasie anerkennt. Die Gesetze von Zeit und Schwerkraft gelten aber auch für einen schriftstellernden Wunderknaben.

          MARTIN HALTER.

          Daniel Kehlmann: "Mahlers Zeit". Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999. 160 S., geb. 29,80 DM.

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