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Rezension: Belletristik : Und ewig sprießt der Hefeweizen

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Sittengemälde einer unbeholfenen Epoche: Walter Kliers "Grüne Zeiten"

          Am Anfang war die erfolgreich fehlgeschlagene Erstkommunion. Martin Rauch hatte die Beichte versäumt, und es drängte ihn zum öffentlichen Geständnis. Doch war er zu höflich, um die laufende Zeremonie mit einer auffälligen Geste zu stören. So fügte er sich mit innerer Distanz ins Unvermeidliche. Diese bürgerliche Bescheidenheit machte den kleinen Sünder zu einem Beobachter, der von nun an am eigenen Leben eher interesselos teilnahm. Anstand hatte für ihn bis ins Wort hinein mit dem Abstand zu tun, der zu den Dingen einzuhalten war.

          Einer ganzen Generation will Walter Klier ihren Bildungsroman schreiben. Brüderlich teilt er mit seinem Helden das gleiche Geburtsjahr 1955, die Innsbrucker Herkunft und eine Vorliebe für englische Literatur. Man darf vermuten, daß es auch der eigene und natürlich viel zu weite Strickpullover ist, den er ihm überzieht. Er macht ihn zum Wilhelm Meister der Öko-Bewegung. Charakterbläßlich und erotisch anfällig wirkt er wie sein Vorbild. Nur die Schauspieltruppe fehlt, die am "Hamlet" das Sein und Nichtsein ihrer Identitäten aufführt. An ihre Stelle muß die Innsbrucker Universität der siebziger Jahre mit ihren Selbstdarstellern treten. Dort ist die Stimmung friedensbewegt und moralisch betroffen. Man trägt eine entschiedene Meinung vor sich her, aber nicht lange dieselbe. Die eigene Weltanschauung von gestern kann heute dem Feind angekreidet werden, dessen Gegenschlag mit rhetorikbestückten Sprengköpfen man zuvorkommen muß. Schwaden von Streit und Nikotin liegen in der Luft. Die Welt ist vor ihren Verbesserern zu retten.

          Als Martin Rauch die Gänge der Universität betritt, strebt er neben der akademischen auch die erotische Reife an. Seminare belegt er nach dem Aussehen der Studentinnen, der politische Schulterschluß bietet Gelegenheit auch zu anderer Berührung. Noch werden in diesem Supermarkt der Ideologien die Restposten der 68er verschleudert. Rauch nimmt die Parole vom menschlichen Gesicht des Marxismus zu genau und will es küssen. Für ihn soll der "Geist der Zeit" auch einen Körper haben, der den Worten Taten folgen läßt. Seine Weltanschauungen sind so instabil wie die aus ihnen geknüpften Beziehungen. Ein ganzes Heer an Mädchennamen läßt Klier vorbeiziehen, die sein Held schnell wieder an neue Propheten und alte Selbsterfahrungstherapien verliert. Einsam bleibt er, weil ihn sein Beobachten gegen die Unbedingheit der Parolen empfindlich gemacht hat. Er kann nicht vergessen, daß die letzte Wahrheit vergangene Woche noch eine andere war.

          Dieser Fremdheit soll eine Wohngemeinschaft abhelfen. Hier lernt Rauch den Terror des Authentischen kennen, das Ende der Basisdemokratie am schmutzigen Geschirr. Klier ätzt seine detailgenaue Satire mit kalter Nadel in die Essensreste, mit der Drahtbürste seines Witzes holt er die Speisepatina vom Gemeinschaftsherd. Offensichtlich zehrt der Roman vom Erfahrungswissen seines Autors, der wohl zu mancher Nachtsitzung im Küchenparlament abgeordnet war. Treffergenau wirken deshalb seine Karikaturen, wenn etwa ein sandalentragender Robbespierre zum Tugend der Mülltrennung aufruft oder Marat beim Abfassen der Badordnung den Filzstift schwingt. Gegenrevolutionen entzünden sich alleine am männlichen Standrecht bei der Klobenutzung, werden aber durch eine feminine levée en masse niedergeschlagen.

          Eine Kneipe namens Ravenna wird zum Leitmotiv für Rauchs Unzugehörigkeit. Nur hier findet er allabendlich seinen Sitz im Leben, von dem aus Frauen zu begehren und Biere zu bestellen sind. Die lautstarken Diskussionen kommen im wortlosen Sumpfen zur Ruhe, bis die Polizeistunde ihn aus der Nestwärme vertreibt. Vor ungezählten Hefeweizen soll die Zeit stillstehen. Dort wartet der Held weiter auf seinen Bildungsauftrag, der ihn im Orwelljahr 1984 mit der Parteiarbeit für die Grünen vermeintlich ereilt. Fortan klebt er Plakate, ist Atombombenopfersimulant in Die-Ins und Verkäufer saurer Weihnachtsbäume. Bald ähnelt die Partei einer überdimensionierten Wohngemeinschaft, die sich nur im Waschen schmutziger Wäsche einig ist. Liebesleid verwirrt die politische Abstimmung. Das Private ist allgegenwärtig.

          Schon der Titel verrät, daß "Grüne Zeiten" ein Mentalitätsprotokoll sein will, das Sittengemälde einer unbeholfenen Epoche. Die Innsbrucker Berge, vor deren Hintergrund vom Jahrzehnt des Martin Rauch erzählt wird, verstellen nicht den Blick auf das so ähnliche bundesdeutsche Flachland. Stark ist das Buch, wenn es die Wohngemeinschaft aus der Gilmgasse als penetrante Komödie aufführt. Wie in langen Regieanweisungen seziert es dann die Neurosen der Figuren. Typen treten zu Therapiegemeinschaften zusammen, legen einander ihre Beschädigungen frei und rufen im Leser jenes Lachen hervor, das einen bei der Lektüre harmloserer Artikel aus dem Pschyrembel befällt: Verrückungen, die leichtfüßig gerade noch auf dem Boden der Wirklichkeit tanzen. Auch das Bürgerlichkeitssyndrom ist bösartig genau getroffen, die aus Gleichheit herrührende Abneigung der Söhne gegen ihre Väter. Anders als 1968 sind die Vorwürfe der Jungen ungenau, aber ebenso besserwissend.

          Am Ende kommt Martin Wilhelm Rauch in der Prosawirklichkeit der Erwachsenen an. Sein Herz fällt nach Selbstüberredung an eine Werbetexterin, Geld will verdient sein. Die minimal music der Gefühle, das Serielle der erotischen Episoden, bricht ab. Der Leser folgt dem Helden, wie der das Leben beobachtet hat: mit reservierter Sympathie. Mehr hatte das Buch auch nicht im Sinn, das im letzten Kapitel einen leisen Anflug von Tragik entschieden ausstreicht. Damit hat der Held vielleicht Lebensjahre, nicht aber seine Unschuld verloren. Von nun an darf er eigene Bücher schreiben. THOMAS WIRTZ

          Walter Klier: "Grüne Zeiten". Roman. Franz Deuticke Verlagsgesellschaft, Wien und München 1998. 270 S., geb., 32,- DM.

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