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Rezension: Belletristik : Um als Comiczeichner zu enden

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Abrechnung mit allen: Dazai Osamus Roman "Gezeichnet"

          Dazai Osamu - geboren 1909, Selbstmord 1948 - gilt in Japan als Dichter der düsteren und chaotischen Jahre, die auf die Niederlage im Pazifikkrieg und den atomaren Schock folgten. Der jetzt in deutscher Übersetzung erschienene Roman "Gezeichnet", dessen Veröffentlichung der todessüchtige Literaturstar seinerzeit nicht mehr abwartete, ist dort ein vielgelesener Klassiker des zwanzigsten Jahrhunderts. Ähnlich wie Salingers zur gleichen Zeit entstandener "Catcher in the Rye" traf das Buch den Nerv einer Generation. Auch "Gezeichnet" ist größtenteils eine von Desorientierung und Verweigerung geprägte Kindheits- und Jugendgeschichte. Salingers Mark-Twain-Charme hat bei Dazai allerdings keine Entsprechung: Der selbstzerstörerische Furor läßt erzählerische Behaglichkeit auch nicht in Ansätzen zu. Das Buch, in dem - dicht an der Biographie des Autors - ein Leben zusammengefaßt wird, hat gerade hundertdreißig Seiten; Dazai holt nicht aus zur epischen Vergegenwärtigung, er zieht Bilanz.

          Als Sohn eines adligen Großgrundbesitzers und Politikers wächst Dazai in einer kalten Atmosphäre auf und entwickelt ein überaus schwankendes Selbstwertgefühl. Noch der literarische Bohemien bleibt ein hochmütiger Aristokrat - ein Aristokrat, dem höchst unwohl ist in der feinen Haut und der sich daher fortwährenden Ritualen der Erniedrigung unterwirft. Er liebäugelt mit dem kommunistischen Untergrund, nachhaltiger fasziniert ihn der Umgang mit Prostituierten, schon früh verfällt er der Alkohol- und Drogensucht. Er bricht ein Studium der französischen Literatur ab, begeht mehrere Selbstmordversuche, allein oder mit einer seiner zahlreichen Geliebten, entfaltet aber selbst in geschwächter körperlicher Verfassung eine anhaltende literarische Produktivität.

          Seine Werke unternehmen immer wieder die Beschreibung der eigenen Lebenskatastrophe. Der bekannteste Roman, "Die sinkende Sonne" (1947), schildert den Untergang einer Adelsfamilie in den Wirren der Nachkriegszeit und enthält ein Selbstporträt in der Figur des desperaten Schriftstellers Naoji. Naoji empfindet seine aristokratische Herkunft als "Schatten", von dem er sich durch leidensstolze Ausschweifungen zu befreien sucht - nichts verachtet er mehr als bloßen Genuß.

          Alkohol, Drogen, Affären, Nervenheilanstalten und Selbstmordversuche - das ist auch die Welt von Oba Y oz o, Dazais Ich-Erzähler in "Gezeichnet", dem nicht einmal die Zuflucht der Literatur gewährt wird - er profaniert seine künstlerische Begabung am Ende als Comiczeichner. Drei bekenntnishafte, in einer Bar aufgefundene Notizhefte bilden den Hauptteil des Buches. Ein fiktiver Herausgeber steuert Vor-und Nachwort bei, Skizzen, die nur scheinbar das autobiographische Pathos brechen, indem sie zu der Leidensfigur Y oz o auf Distanz gehen.

          Denn auch dieser Rahmen ist nur das Manöver eines mitunter koketten Selbsthasses. Persönlich habe er "den Verrückten, der diese Hefte geschrieben hat, nie kennengelernt", teilt der Herausgeber mit und stellt Y oz o mittels dreier Fotografien vor. Die erste zeigt einen Knaben, der nur auf den ersten Blick reizend, dann immer abstoßender erscheint: "ein gräßliches Kind". Der Betrachter möchte das Bild von sich werfen mit "spitzen Fingern, als hätte er eine Raupe angefaßt". Auch das zweite Foto aus der Studienzeit vermittelt "etwas gespenstisch Unheimliches". Auf dem dritten Bild ist Yozo ergraut und hat ein Gesicht, das erloschener wirkt als eine Totenmaske; diese "letzte Photographie war die widerwärtigste".

          Der Umstand, daß Y oz o sich zeitlebens vor Frauenliebe kaum retten kann, widerlegt diesen Befund des Abstoßenden. Aber das Unbehagen an sich selbst und die gegen den eigenen Körper gerichtete Aggression treiben dann auch Y oz os Suchtkarriere voran, wie etwa der lapidar geschilderte Wechsel zum Morphium zeigt: "Morphium sei weniger schädlich als Alkohol, sagte sie, und ich glaubte ihr; außerdem war ich gerade nüchtern, alkoholisiert zu sein widerte mich an, so daß ich mir, froh, dem Teufel Alkohol endlich entgehen zu können, das Zeug bedenkenlos in den Unterarm spritzte."

          Solche Bedenkenlosigkeit ist nur das kalte Komplement eines Narzißmus, der das Buch oft in die Nähe des Larmoyant-Sentimentalen bringt. Die Beschreibung des ängstlichen Kindes Y oz o, das sich in die Rolle des Spaßmachers rettet, rührt an; befremdend dagegen Dazais unermüdliche Ecce-Homo-Gebärden, sein angestrengtes Bemühen, sich als "von Geburt an Ausgestoßenen" zu stilisieren. Mittel dazu ist eine Sprache des psychischen Extremismus: "Ich habe ein schändliches Leben geführt. Was menschlich leben heißt, weiß ich nicht", lauten schon die ersten Sätze, als sollte Dostojewskis Kellerlochmensch überboten werden. Y oz o kostet "den Schweiß der Verzweiflung", er fühlt sich "zerfetzt und mit Scham und Schande übergossen" und durchlebt die "tausendfältigsten Qualen der Hölle". Die Qualen sollen nicht bestritten werden; das Pathos macht sie aber nicht glaubhafter.

          Der eigene Mangel an Vitalität, der ihn bald nach dem Stimulans des Rausches verlangen läßt, wird Y oz o bereits schmerzlich in der Schule bewußt, wo er, wie so viele Décadents vor ihm, auf rücksichtslose und robuste junge Leute trifft. Auch sonst ist oft von der "Roheit der Menschen" die Rede; wie im Roman Salingers ermöglicht die Abgrenzung von "den Menschen" (zu denen sich sicherlich keiner aus der millionenköpfigen Leserschar gezählt hat) eine - gelegentlich allzu bequeme - moralische Fundamentalopposition.

          Daneben bietet das Buch eine Reihe überzeugender Episoden: die heilsame Liebe zu einer Kioskverkäuferin, bei der sich Y oz o Schnaps besorgt, das Verhältnis mit einer verkrüppelten Apothekerin, durch das die tägliche Dosis Morphium gesichert wird. In solchen - leider zu seltenen - Passagen kann die geschmeidige, mit trockenem Humor geschriebene Prosa Dazais beeindrucken. Sie ist ein Beispiel für den shishosetsu ("Ich-Roman"), eine spezifisch japanische Tradition des kunstvollen autobiographischen Schreibens. Das Persönlichste wurde den Lesern von "Gezeichnet" freilich zum Zeitbild. In der Schilderung eines zerrütteten Lebens erkannten sie die Zerrüttung ihrer Epoche. WOLFGANG SCHNEIDER

          Dazai Osamu: "Gezeichnet". Roman. Aus dem Japanischen übersetzt von Jürgen Stalph. Mit einem Nachwort von Irmela Hijiya-Kirschnereit. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 1997. 150 S., geb., 32,- DM.

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