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Rezension: Belletristik : Trüffel und Pferdeäpfel

  • Aktualisiert am

Gedichte von Hugo Claus / Von Harald Hartung

          4 Min.

          Der über siebzigjährige Hugo Claus ist ein Autor von mehr als hundert Büchern. Aber eins davon hängt ihm an wie Günter Grass die Blechtrommel. Es ist dies "Het verdriet van België", "Der Kummer von Flandern" - ein Schelmenroman über die deutsche Okkupation. An dieser Fixierung auf den einen Geniestreich haben einige weitere erfolgreiche Romane - zuletzt "Bella Donna" und "Das Stillschweigen" - nichts zu ändern vermocht. Was nicht heißen muss, dass Claus, der ewige Nobelpreiskandidat, in Stockholm nicht doch noch zum Zuge kommt.

          Seit seinem Debüt mit achtzehn Jahren wirft Hugo Claus vulkanisch Feuer, Lava und Asche aus. Er tut das als ein furioses Multitalent auf allen erdenklichen Gebieten: als Autor von Romanen, Erzählungen, Gedichten, Theaterstücken, als Übersetzer von Seneca und Shakespeare, von Georg Büchner und Noël Coward. Claus ließ sich durch Artaud faszinieren und gehörte der Künstlergruppe Cobra an. Also malt und zeichnet er. Er macht Filme und inszeniert seine eigenen Stücke. Und das alles im Wechsel der Stile und Möglichkeiten und mit dem Vorsatz, das nächste Mal das Gegenteil des eben Gemachten zu versuchen. Ein Experimentator aus Temperament, nicht aus System. Die Register, die er zieht, scheinen unendlich, aber oft auch verwirrend.

          "Registreren" lautet 1947 der Titel von Claus' Erstling, einem Band mit Gedichten. Wie bei Grass ist bei Claus die Lyrik der Quellpunkt seiner Inspiration. Dort erprobt er seine Themen und Motive. Dem Poeten ist dabei der Selbstausdruck seiner Vitalität wichtiger als die Vollendung der Form. Er ist Experimentierer, Selbstsucher und Selbstversucher, nicht Artist. Der Schub der Einfälle muss es bringen, nicht die Arbeit an Strophe und Vers. Wenn Claus auch seine Register wechselte und 1988 mit Sonetten überraschte - man darf das Bekenntnis ernst nehmen, das er in einem seiner späten Gedichte macht: "Zu stark zittert meine Hand. Ich will meine Literatur / nicht vervollkommnen." Das Zittern der Hand ist Koketterie, aber die Perhorreszierung der Perfektion mehr als bloß die Bedingung einer rastlosen Produktion. Hinter ihr stehen tiefere Motive. Am schlüssigsten kommen sie in einem Text aus seinen "Unfrommen Gebeten" zum Ausdruck. Dort lässt der Dichter Hekate sprechen, die hilfreiche und unheimliche Göttin, die Herrin von Zauberei und nächtlichem Unwesen: "Allein im Unvollkommenen / ich voll und dick. / Schönheit ist kein Gleichgewicht."

          Diese Komponente grundiert alles, was Hugo Claus an Materialien zusammenbringt, ja zusammenrührt. Dass reicht von Vegetationsmythen zu sexuellen Kraftausdrücken, von Rekursen auf Volksromane zu Anspielungen auf populäre Seifenopern. Claus porträtiert Rubens und Rembrandt ebenso wie Lumumba, Italo Calvino oder eine anonyme Rundfunksprecherin. Er schreibt "Randgedichte" zu Dantes Inferno und liefert "Fünf Polaroidaufnahmen von Jesus Christus". Er möchte "Philosophen in ihrem philosophischen Hemd" in Brand stecken, doch wenn er sich in dem Zyklus, aus dem ich zitiere, als "Affe in Ephesus" geriert, dann ist er selber Philosoph, einer aus der Schule Epikurs. Ob Claus, der Büchner übersetzt hat und ihm in einem seiner Gedichte huldigt, in Dantons Sinn als gröberer oder feinerer Epikureer gelten soll, ist Sache des Lesers. Ist Sache auch der Auswahl.

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