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Rezension: Belletristik : Trostmaschine Philosophie

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Alles Sternenstaub: Jostein Gaarder ist wieder da

          Jostein Gaarder ist ein erfolgreicher Mann. Seit den frühen neunziger Jahren betreibt er eine Volkshochschule der Weltweisheit in Fernkursen. Der 1991 in Norwegen und zwei Jahre später in Deutschland veröffentlichte Roman "Sofies Welt", eine zur Fabel gewordene Geschichte der Philosophie, hat den Sozialdemokraten und Familienmenschen aus Oslo zum Millionär gemacht. Die meisten Rezensionen, die zu den mittlerweile drei Büchern Jostein Gaarders erschienen, verweisen auf diesen Erfolg: Eineinhalb Millionen Exemplare sind allein in Deutschland von "Sofies Welt" verkauft worden, dreihunderttausend vom "Kartengeheimnis", und beim jüngsten und dünnsten, dem vor wenigen Wochen erschienenen "Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort" (alle bei Hanser in München erschienen), sind es auch schon fast hunderttausend.

          Jedes Mal, wenn von diesem Erfolg die Rede ist, fehlt der frohe Hinweis nicht, daß die Philosophie - ein Fach, das man fest in der Hand von Trockenschwimmern und Staubwedeln vermutete - in diesen Büchern eine Renaissance feiere. Nichts könnte falscher sein. Der schadenfrohe Vergleich mit der akademischen Disziplin führt in die Irre. Denn mit Philosophie haben diese drei Bücher nur bedingt etwas zu tun: Jostein Gaarders Kunst ist die Erfindung und schließlich auch die Serienfertigung von Naivität. "War es nicht seltsam, daß sie auf der Welt war und in einem wunderlichen Märchen herumlaufen konnte?" fragt sich Sofie. "Die Welt", denkt Hans-Thomas im "Kartengeheimnis", "ist ein so phantastisches Wunder, daß man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll." Cecilie schließlich, die krebskranke Heldin des jüngsten Buches, muß lernen, daß Engel nichts anderes tun als staunen. Und Gott selbst staunt auch: "Deshalb freut er sich über neugierige kleine Kinder mehr als über das weltgewandte Auftreten der Erwachsenen." Nur wenn man diese Naivität als ein Staunen versteht, ist man nach altehrwürdiger Auffassung auch schon am Anfang der Philosophie.

          Jostein Gaarder gibt die Philosophie, zum Vergnügen und zur Beruhigung vor allem der älteren Leser, ab sechs Jahren frei. Denn das Staunen ist in seinen Augen nicht nur der Anfang, sondern auch der Zweck aller Bemühungen um Weltweisheit: "Was ist dieser Weltstoff? Was ist vor Milliarden von Jahren explodiert? Woher kam es?" - "Das ist das große Rätsel." - "Aber es betrifft uns zutiefst. Denn wir sind selber aus diesem Stoff. Wir sind ein Funken des großen Feuers, das vor Jahrmillionen angezündet worden ist."

          Das Ende dieses Dialogs ist typisch für die literarische Technik Jostein Gaarders. Er schließt in Ergriffenheit, und dann heißt es allenfalls: "Das hast du schön gesagt." Jostein Gaarder schreibt Erbauungsliteratur. Und seinem Erfolg liegt ein Rezept zugrunde, wie es zu Beginn dieses Jahrhunderts, in einer religiösen Begeisterung für die Naturwissenschaften, vor allem der Chirurg und Erbauungsschriftsteller Carl Ludwig Schleich mit ebenso großer Wirkung anwandte.

          Jostein Gaarder verwandelt die Philosophie in eine mit viel Pädagogik geschmierte Staun- und Trostmaschine. Er verfabelt seine Botschaft und stellt Figuren auf die Bühne, die sich von den letzten Fragen mit Haut und Haaren ergreifen lassen. Es sind kindliche Allegorien auf die Wirksamkeit des ganz, ganz tiefen Denkens. Der Autor selber tritt dabei als sanfter Lehrer auf, als einer, dem man, wie allen guten Verführern, rückhaltlos vertrauen darf. Und das kann man auch wirklich. Denn dieser Denker ist als Weisheitsfreund ein Freund der Kinder.

          Dreimal hat Jostein Gaarder die große Wundertüte der gefälligen Lebenslehren aufgemacht. Dreimal ist dasselbe drin, und nur die Verpackung, die literarische Form, ist verschieden. Weil aber das zweite Buch, eben "Sofies Welt", auf deutsch zuerst erschien, ist der Eindruck entstanden, es müsse auch in den beiden anderen Werken um Philosophie gehen. Nun ist "Sofies Welt" zwar eine Geschichte philosophischer Theorien in einer äußerst verknappten Form: Jeder Philosoph, jede Schule des Denkens wird auf einen Kern- und Glaubenssatz reduziert. Diese Glaubenssätze läßt Jostein Gaarder dann Revue passieren - mit dem zu erwartenden, schlichten Ergebnis, daß bedeutende Denker große und schwierige Fragen gestellt haben, aber keiner je zu einer klaren Antwort imstande gewesen ist. Es ist alles "Sternenstaub".

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