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Rezension: Belletristik : Trittbrettfahrt in kurzen Hosen

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Der fliegende Robert als Lehrjunge in Hans Magnus Enzensbergers Werkstatt / Von Hubert Spiegel

          Der Sturm ist vorüber, der Wind hat nachgelassen, der fliegende Robert ist wieder gelandet. Hat er je erzählt, was er alles gesehen hat, wo er überall gewesen ist? Ist er je gefragt worden, was Hans Magnus Enzensberger jetzt im Titel seines jüngsten Buches fragt: "Wo warst du, Robert?"

          Wer Enzensberger kennt, weiß, daß dieser Autor die Fragen, die er stellt, selbst zu beantworten pflegt. Mit einem Satz, einem Aphorismus, einem Gedicht oder einem Essay. Nur nicht mit einem Roman. Seit 1972 "Der kurze Sommer der Anarchie" erschienen ist, gilt Enzensberger, nicht zuletzt auch in seiner eigenen Einschätzung, als Schriftsteller, der keine Romane schreiben kann. Ist "Wo warst du, Robert" ein Kinderbuch für Erwachsene? Oder ein "Roman", wie auf dem Einband zu lesen steht, ein Roman für Kinder?

          Im Jahr 1982 fragte sich Enzensberger, was der kleine Melanchthon, geboren im badischen Bretten, eigentlich gelernt haben mochte. Was las der Sohn eines Waffenschmieds als Siebenjähriger? In dem Gedicht "früher" stellte der Dichter die Frage, ob nicht die Vergänglichkeit zuverlässiger sei als die Vergangenheit, von der wir weniger zu wissen scheinen, je mehr wir über sie reden. Jetzt läßt Enzensberger die Vergangenheit selbst zu Wort kommen und sich gegen die Vergänglichkeit verteidigen: als Ort, an dem wir mehr über uns erfahren können als irgendwo sonst. Sein zeitreisender Robert ist ein Engel der Geschichte mit Regenschirm und kurzen Hosen. Zwei Winde sind es, die ihn vor sich her blasen, rückwärts durch die Jahrhunderte: der kalte Atem der Gegenwart und die warme Brise der Phantasie.

          Es beginnt in einer Küche. Robert, ein Kind des fröhlichen Mittelstands, wird den Abend allein zu Hause verbringen. Der Vater ist wie so oft geschäftlich unterwegs, die Mutter legt gerade ihre Abendrobe an, rote Seidenhandschuhe zu schwarzem Moiré. Bevor der Autor seinen Helden auf die erste Zeitreise schickt, schildert er Robert als ganz normalen Jungen von vierzehn Jahren, der allerlei Gegensätze in sich vereint: ein fauler Zappelphilipp, ein hellwacher Träumer, der sich für alles interessiert, was um ihn herum vor sich geht, der alles liest, was ihm vor die Augen kommt, jene Augen, die "so sonderbar" sind, "sehr hell und ziemlich grün".

          Die Tropfen, die ihm der Arzt verschrieben hat, weil es vor Roberts Netzhäuten so oft "flimmert", hat er in den Ausguß geschüttet. Er liebt die hellen und dunklen Flecken, die violetten und grünen Streifen, die sich in feurige Schlangen verwandeln. "Jetzt braucht er nur noch ein wenig zu reiben, ganz leicht mit den Knöcheln über die geschlossenen Lider", schon treten Bilder hervor: ein Meer, Vögel, Farne, Schiffe, Figuren. Tänzer, Ringkämpfer, sein Feind, der riesenhafte Koch. Aber an diesem Abend, als er müde über die Lider reibt, sieht er durch den Farbenflimmer auch eine fremde Stadt auf dem Fernsehschirm. Es ist Winter, Uniformierte laufen über verschneite Straßen, Frauen mit Kopftüchern schaufeln Schnee: Nowosibirsk, Roberts erste Station.

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