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Rezension: Belletristik : Träume aus falschem Stoff

  • Aktualisiert am
          2 Min.

          Sabine Lautermann hat alles, wovon andere träumen: schlanke Figur, Föhnfrisur, dezentes Make-up, Designerkostüm, Pelzmantel und neues Auto - alles vom Feinsten. Als Vorstandssekretärin verdient sie genug. Doch hinter ihrem gepflegten Äußeren verbergen sich Unsicherheit, Angst und Trotz. Insgeheim wünscht sie sich einen Mann, Kinder und ein Häuschen im Grünen. Sofort wäre sie bereit, ihr Einkommen und ihre Unabhängigkeit einzutauschen gegen das "fette, warme Familiennest" ihrer Schwester.

          Dagmar Chidolue, die schon mehr als zwanzig Kinder- und Jugendbücher geschrieben hat und 1986 für "Lady Punk" den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt, hat mit "Blöde Kuh" keinen neuen Roman veröffentlicht, sondern zwei vergriffene Taschenbücher überarbeitet und zusammengefaßt. Ihre Protagonistin entspricht nicht gerade dem emanzipierten Frauenbild vieler junger Leute.

          Was die Autorin jedoch, wie in jedem ihrer Bücher, interessiert, ist die Wirklichkeit. Sabine sehnt sich nach Geborgenheit, doch ihre Unentschlossenheit, ihr Selbstmitleid und ihre Vorurteile machen ihr immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Schließlich steht sie mit zwei Kindern da, aber ohne Mann, mit einer winzigen Wohnung und einem anstrengenden Job. Und die geliebte Mutter, die das Herz auf dem rechten Fleck und immer ein Sprichwort parat hatte, die Sabine, wenn nötig, die Leviten las und ihr wieder aus der Patsche half, ist tot.

          "Blöde Kuh" entlarvt den Stoff, aus dem Sabines Träume sind, als kleinbürgerliches Klischee und die große Liebe als schönen Schein! Aber es ist kein deprimierendes Buch, denn Sabine fällt trotz aller Probleme immer wieder auf die Füße. Sie erregt im Leser gemischte Gefühle, Mitleid wie Zorn, Verständnis wie Ärger. Dagmar Chidolue verrät oder verurteilt Sabine nicht. Der Leser muß seine Rückschlüsse selber ziehen. Kommt die Geschichte anfangs nicht so recht in Schwung, so gewinnt sie zunehmend an Tempo.

          Dagmar Chidolues Stärken stehen wie in ihren früheren Büchern außer Frage: ihr Gespür für Atmosphäre, ihre lebendigen Charaktere, ihre Begabung für Dialoge und ihr siebter Sinn für hintergründig komische Situationen. Ihre Sätze sitzen, ob sie kurz, knapp und konzentriert Situationen und Menschen entwerfen oder aber Gedanken und Gefühle in überraschende Bilder umsetzen. Jugendliche und junge Erwachsene werden ihre Freude daran haben. Schade nur, daß der Titel Sabine so eindeutig verurteilt! Dagmar Chidolue geht mit ihrer problembelasteten Heldin viel differenzierter und gerechter um. SYLVIA ADRIAN

          Dagmar Chidolue: "Blöde Kuh". Roman. Beltz & Gelberg, Weinheim, Basel 1995. 344 S., geb., 29,80 DM. Ab 14 J.

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