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Rezension: Belletristik : Toter auf Schloß Maplewhite

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Walter Satterthwait spannt Conan Doyle und Houdini zusammen

          2 Min.

          Der ehemalige Mediävist und Barkeeper Walter Satterthwait, Jahrgang 1946, hat eine wachsende Fangemeinde; zwar nicht in seiner Heimat, den Vereinigten Staaten, dafür aber in Frankreich und Deutschland. Seine skurrilen Krimis und Schauergeschichten, die mit historischen Figuren in erfundenen Konstellationen ein makabres Spiel treiben, erinnern hiesige Leser an vertraute Muster. In der anheimelnden Epigonalität, die sie verströmen, darf man einen der Gründe ihres Erfolges in Europa vermuten.

          Satterthwaits "Eskapaden", ein Landhaus-Schmöker der gehobenen Kategorie (er hat in Frankreich den "Prix du Roman d'Aventures" bekommen), scheint diese Vermutung zu bestätigen: Es ist ein Buch, das die handelsüblichen Modelle kauziger Lords und Ladies gleichzeitig feilbietet und entwertet. Die Geschichte von der Begegnung des schottischen Kriminalschriftstellers Sir Arthur Conan Doyle mit dem amerikanischen Zauber- und Entfesselungskünstler Harry Houdini auf dem Landsitz eines englischen Aristokraten ist, was Gewieftheit der Konstruktion und Eleganz des Stils angeht, den berühmten Wooster-&-Jeeves-Romanen von P. G. Wodehouse durchaus ebenbürtig.

          Satterthwaits Schnurre, von Ursula-Maria Mössner vorzüglich übersetzt, beginnt mit einer Szene, in der Figuren, Szenerie und Stillage geradezu lehrbuchartig perfekt vorgeführt werden: Houdini und sein junger amerikanischer Assistent jagen in einem schweren Lancia durch regenverhangene Wälder auf ein Spukschloß zu. Was danach kommt, ist ein klassischer Krimi-Plot voller bizarrer Komplikationen, in denen kein Klischee der Gattung ausgelassen ist. Nach dem Motto "Conan Doyle löst jeden Fall, Houdini windet sich aus jeder Falle" entwickelt sich im Handumdrehen aus einer harmlosen Wochenendparty auf Schloß Maplewhite eine Séance mit ungeahnten Weiterungen. Denn noch bevor Houdini überhaupt Gelegenheit findet, Madame Sosostri, ein höchst suspektes Medium, zu entlarven, geschieht allerlei Pikantes: Die Partygäste sehen Gespenster, Houdini fällt fast einem Attentat zum Opfer, und Graf von Axminster, Schloßherr auf Maplewhite, wird in einem von innen verriegelten Zimmer erschossen aufgefunden. Das scheinbar unlösbare Rätsel in seiner klassischen Form, der Mord im geschlossenen Raum, erweist sich abermals als unlösbar nur für den gemeinen Verstand, nicht aber für den genialen Kopf.

          Satterthwait umgibt seine Figuren mit spannungsdienlicher Undurchsichtigkeit, streut für die anspruchsvolleren unter den Lesern historische, literarische und psychoanalytische Reminiszenzen ein, lockert die Ich-Erzählung mit relativierenden Briefen auf und gibt sich viel Mühe, die ironisch unterminierte Gespenstergeschichte mit Witz und Charme anzureichern. Wer einen Sinn hat für phantastische Farcen aus dem Luxusleben betuchter englischer Snobs im Sommer 1921 und überdies neugierig ist auf das Zusammenwirken des Sherlock-Holmes-Erfinders mit dem Entfesselungs-Großmeister Houdini, für den ist dieser Edelkrimi als winterliche Kaminlektüre durchaus geeignet. HELMUT WINTER

          Walter Satterthwait: "Eskapaden". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Ursula-Maria Mössner. Haffmans Verlag, Zürich 1997. 399 Seiten, geb., 44,- DM.

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