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Rezension: Belletristik : Tote Seelen in Seoul

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Kalligraphisches Ringen: Eine Anthologie koreanischer Erzählungen

          2 Min.

          "Als ich am nächsten Morgen aufwachte, bemerkte ich, daß ich die ganze Nacht unter der Decke meiner Frau geschlafen hatte. Zum ersten Mal, seit ich in diesem Haus Nummer 33 lebte, hatte ich im Zimmer meiner Frau übernachtet." Sonst nämlich lebt der Mann wie ein Haustier in einem Winkel der Wohnung, geht nie aus, erhält von seiner Frau ein Taschengeld und warme Mahlzeiten. Ist sie abwesend, geistert er durch die leere Wohnung, ist sie da, verkriecht er sich still in seiner Ecke und grübelt über die merkwürdig spendablen Gäste seiner Gattin nach. Die wahrgenommenen Einzelheiten des Zimmers, Geräusche, Gerüche und Gedanken dürfen sich nicht zu einem Gesamtbild fügen, denn nur so läßt sich der Einsicht aus dem Weg gehen, mit einer Prostituierten verheiratet zu sein und von deren Einkünften zu leben.

          Die kurze Erzählung "Flügel" des früh verstorbenen Yisang (1910-1937) bildet den fulminanten Auftakt einer kleinen Anthologie mit Erzählungen koreanischer Autoren. Die Kuriosität eines ehelichen Zusammenlebens ohne jeden zwischenmenschlichen Kontakt weitet sich zum beklemmenden Psychogramm eines gespaltenen Bewußtseins. Moderne Großstadterfahrung, ein Gefühl der Sinnlosigkeit des Daseins und die kulturelle und politische Lähmung in der Zeit japanischer Kolonialherrschaft werden in einer absurden Parabel konzentriert, deren Dichte sich jeder eindeutigen Auflösung verweigert.

          Leider können die übrigen drei Texte aus der Feder von Gegenwartsautoren dieses Niveau nicht halten. Ihre durchweg realistische Erzähltechnik erscheint allzu umständlich und behäbig, wenn auch die dargestellten Konflikte zwischen traditioneller Lebensweise und den Zumutungen der Modernisierung von großer Aktualität sein mögen. So folgt man etwa in der Geschichte "Gumsijo" von Yi Mwunyeol (geboren 1948) etwas gelangweilt dem lebenslangen Ringen des Kalligraphen Gojwug um die richtige Kunstauffassung. Während sein weiser Lehrer die "wissenschaftliche" kalligraphische Tradition vertritt, die sich an zenbuddhistischen und taoistischen Vorgaben orientiert, sucht Gojwug nach einer modernen, bürgerlich-autonomen Begründung seiner Werke, die die "reine" Schönheit als höchsten Wert etablieren kann. Als er jedoch auf dem Sterbebett seine eigenen Werke einem Autodafé überantwortet, macht Gojwug jene lebenslang verleugnete ästhetische Transzendenzerfahrung; er erblickt "den riesigen Vogel Gumsijo, der sich erhob und mit seinen golden glänzenden Flügeln machtvoll aufzusteigen begann". Im traditionellen Medium ostasiatischer Nationalkunst verhandelt diese Schlüsselerzählung poetologische Fragen; der Märchenvogel, einer der Schutzgeister des Buddhismus, dementiert die Möglichkeit einer auf technische Virtuosität beschränkten Kunst. Ihr formaler Aspekt tritt schließlich programmatisch zurück zugunsten einer dem Leben dienlichen Zweckbestimmung.

          Natürlich kann man auf der Grundlage einer so schmalen Auswahl nicht beurteilen, wie stark sich moderne oder gar experimentelle Schreibweisen heute in Korea durchgesetzt haben. Die jahrzehntelange japanische Dominanz und die Auseinandersetzung mit westlichen Einflüssen weisen der koreanischen Literatur aber offenbar eine entscheidende Rolle bei der Suche nach nationaler Identität zu. "Volkstümliche", mimetische Erzählweisen bieten sich in einer solchen Lage an. Künstlerische Radikalität äußert sich dann aber ausschließlich im Inhaltlichen, wo sie dem kulturfremden Leser trotz des ausführlichen Kommentars der Herausgeber nicht gerade ins Auge springt. So wird in dieser Auswahl lediglich angedeutet, welche Literaturlandschaft hier noch zu entdecken sein könnte.RICHARD KÄMMERLINGS

          Kim Tschong-Dae: "Die kleine Schamanin". Geschichten aus Korea. Aus dem Koreanischen übersetzt von Kim Tschong-Dae und Enid Gajek. Marino-Verlag, München 1998, 192 S., geb., 29,80 DM.

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