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Rezension: Belletristik : Todesnachrichten für die Mafia

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Mit kalten Füßen ins Grab: Andrej Kurkows "Picknick auf dem Eis"

          3 Min.

          Andrej Kurkow, aus St. Petersburg stammend, aber in Kiew aufgewachsen, hat ein spöttisches Verhältnis zu seiner Wohnheimat. Die Ukraine, sagte er kürzlich auf einer Diskussion in Badenweiler, sei in ihre nationale Unabhängigkeit gestolpert, habe sich in zwei Umfragen, kurz hintereinander, dagegen und dafür ausgesprochen, beides mit überwältigender Mehrheit, und wisse jetzt nicht, wo sie hingehöre. Zu Rußland? Zum Westen? Bei beiden sei sie verschuldet, und deshalb halte man sich aus allem raus. "Meine Hütte steht am Ende des Dorfes, ich sehe und weiß nichts": Dieses Sprichwort treffe Verhalten und Mentalität der Ukrainer auf den Punkt.

          In diesem Sinne hat Kurkow seinem Roman "Picknick auf dem Eis" einen idealtypischen Helden gegeben. Dieser Viktor ist ein "Schriftsteller, der zwischen journalistischen Versuchen und kleinen Prosaarbeiten steckengeblieben war". Er hat keinen Beruf, kein Einkommen, keine Familie, keine Gefährtin. Dafür immerhin einen ungewöhnlichen Gefährten: Er teilt seine Wohnung mit einem Königspinguin, den er aus der Auflösungsmasse des Kiewer Zoos übernommen hat. Vom Chefredakteur der "Hauptstadtzeitung" wird Viktor als Nekrologe engagiert. Er soll - das ist bei vielen Zeitungen üblich - Vorab-Nachrufe auf noch lebende prominente Zeitgenossen verfassen, und er soll sie "so schreiben, wie noch nie jemand über Tote geschrieben hat". Und Viktor schreibt, die nüchternen Fakten mit pathetisch-philosophischen Tiraden veredelnd, über Fabrikbesitzer und Politiker, Künstler und Militärs und unterzeichnet seine Werke, wie empfohlen, mit einem vierfachen Fragezeichen.

          Daß die Biographien der von ihm verewigten VIPs von dunklen Flecken gesprenkelt sind, fällt ihm zwar auf, wundert ihn aber weiter nicht: "Menschen mit reiner Weste gibt es nicht", und wer etwas erreicht hat in dieser Gesellschaft, hat auch krumme Wege eingeschlagen. Viktors moralische Indifferenz ist zeitgemäß; wenn draußen die Schlachten zwischen verfeindeten Mafia-Clans toben, geht man halt nicht ans Fenster. Auch daß sein Auftraggeber untertaucht, ja er selbst sich eine Weile in einer Vorstadtdatscha verkriechen muß, betrachtet er als eine Selbstverständlichkeit.

          Mischa, eine zweifelhafte mafiöse Existenz, vertraut ihm seine vierjährige Tochter und viel Geld an, bevor er "leider hopsgeht", wie dem unfreiwilligen Ersatzvater mitgeteilt wird. Viktor engagiert ein Kindermädchen, behält es auch über Nacht bei sich und "spielt Familie", mit Picknick, Ausflügen und dem Traum vom Häuschen auf dem Lande: ohne Überzeugung, ohne Liebe, weil es sich eben gerade so ergeben hat.

          Leider erweist sich seine Tätigkeit bald als nicht passend für ein kleines provisorisches Biedermannglück in den kriminellen Verwerfungen von Kiew. Viktors Nachrufe sind tatsächlich einzigartig: Die darin Gewürdigten kommen verdächtig bald nach der Niederschrift zu Tode, ermordet oder durch einen "Unfall". Dahinter stehen, wie ihm bedeutet wird, "einige Leute, die das Land ein wenig säubern wollen". Ausgerechnet das Verbrechersyndikat, das etliche Opfer in seinen Reihen zu beklagen hat, bestellt Viktor mit sanftem Nachdruck auf den Friedhof: Sein Pinguin, den er immer mitzubringen hat, gilt ihnen als Symbol einer "hochklassigen Beerdigung". So wie bei uns der traurige Geselle aus der Antarktis eine Zeit lang als exotisches Foto- und Kalenderobjekt in Mode war, macht ihn die mörderische Halbwelt Kiews zum Statussymbol und Totenvogel zugleich.

          Viktor begreift allmählich, daß seine Nachrufe ein Instrument im Bandenkrieg sind, er selbst als unfreiwilliger Schreibtischtäter arbeitet. Solange er sich seiner Anonymität sicher sein kann, ficht ihn diese Verwicklung nicht an; erst als er einen jungen Mann kennenlernt, der für seinen, Viktors, Nachruf recherchiert und er diesen Nachruf gar zu lesen bekommt, wird ihm der Boden zu heiß. Er kauft sich einen Platz in einer Antarktis-Expedition, den er eigentlich seinem Pinguin zugedacht hatte. Am Südpol gibt es zwar kein Leben, aber auch keine Killer.

          Literarisch ist "Picknick auf dem Eis" nicht weiter bemerkenswert, rechnet man die Erkenntnis ab, daß auch die russische Literatur Unterhaltungsromane zu produzieren in der Lage ist. Daß der Autor vor allem als Drehbuchautor arbeitet, merkt man seiner Prosa an: Es überwiegen die Dialoge, das Tempo ist flott, für Beschreibungen fehlt die Zeit. Bewußt wählt Kurkow eine kühle, ja unterkühlte Tonlage. Sie kontrastiert mit dem verlogenen Schwulst der Nekrologie, aber auch mit den himmelschreienden, zum Himmel stinkenden Zuständen in einem Land, in dem nichts ohne Bestechung funktioniert, mit Bestechung aber alles möglich ist, sogar das Herz eines dreijährigen Jungen zu kaufen, das dem kranken Pinguin eingepflanzt wird.

          Diese Unterkühltheit ist aber auch das stilistische Äquivalent einer Haltung, ohne die ein Leben in dieser Gesellschaft nicht mehr zu ertragen ist. "Laß uns trinken", sagt eine Figur in dem Roman, "auf daß es uns nicht schlechter gehe. Besser ging's uns ja schon mal." Es ist eine Gesellschaft, die Gegenwart und Zukunft verstellt sieht. Ihr Galgenhumor, ihre vermeintliche Abgebrühtheit ist die psychische Entsprechung der "doppelten Fettschicht", die den Pinguin gegen die Kälte schützt. Wie sein komischer Vogel fühlt sich Viktor schließlich fremd in seinem Land, "ein seltsames Land, ein seltsames Leben, das man gar nicht wirklich kennen möchte, man möchte bloß überleben, c'est tout". Als Viktor dieses Land verläßt, tut er das konsequenterweise mit dem Satz: "Ich bin der Pinguin." Und so hat sich das am Anfang etwas schillernd leere Symbol am Ende mit Überleben gefüllt. MARTIN EBEL

          Andrej Kurkow: "Picknick auf dem Eis". Roman. Diogenes Verlag, Zürich. 288 S., geb., 39,90 DM.

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