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Rezension: Belletristik : Tiefe Seele, gutes Pferd

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Roßkur: Nicholas Evans schreibt eine ökologische Heilsgeschichte

          Wenn Pferde zu sehr scheuen, gerät der Mensch leicht unter die Hufe des Unglücks, im vorliegenden Falle: Pubertäts-, Ehe- und Identitätskrisen. Feinnervigere Pferde bleiben dabei, wie die Geschichte der Stallneurosen von Fury bis zu den Mädels auf dem Immenhof lehrt, vom Mißgeschick ihrer Lieben nicht ungerührt; doch wächst in der Evolution mit der Gefahr hippologischer Traumata auch das Rettende. Seit jenem Augenblick, als dem ersten Pferd ein Halfter angelegt wurde, so wispert Nicholas Evans, gab es unter den Menschen einige wenige, "die in die Seele der Tiere schauen und ihren Schmerz lindern konnten. Und da sie Geheimnisvolles leise in gespitzte und geschundene Ohren flüsterten, nannte man sie Flüsterer."

          Zur präfreudianischen Elite dieser Roßtäuscher gehört neben John Solomon Rarey, der einem Pferd von Queen Victoria die Hand auflegte, auch Kara Ben Nemsi, der seinem Rappen Rih die hundertste Sure des Korans ins Ohr zu blasen pflegte. Tom Booker aber ist ein studierter Cowboy und geschulter Pferdepsychiater, dem das Schicksal seiner Reitersfrauen nicht gleichgültig ist. "Tanzen und Reiten ist die gleiche verdammte Geschichte", doziert der gestiefelte Schamane. "Es geht um Vertrauen und Verständnis. Der Mann führt, aber er zerrt seine Dame nicht hinter sich her, er bietet sich ihr an, und sie spürt das und geht mit. Man bewegt sich in Harmonie und im wechselseitigen Rhythmus."

          Diese Doppelbegabung befähigt ihn dazu, nicht nur den verstörten Wallach Pilgrim zu heilen, sondern auch seine Besitzerin, die dreizehnjährige Grace, und deren Mutter, die ehrgeizige New Yorker Journalistin Annie, einer erfolgreichen Roßkur in Harmonie mit der Natur zu unterziehen. Daß der Kämpfer wider Pferdetollwut und Stadtneurosen dabei selber ins Gras beißen muß, um Annies Ehe nicht zu gefährden, gehört zur Logik gehobener Unterhaltung.

          "Der Pferdeflüsterer" singt das Lied vom einfachen, gesunden Leben in einer kentaurischen Welt. Hier nehmen blonde, blauäugige Farmer das Abendbrot noch im Kreis der Großfamilie an langen Holztischen ein und die Milch "sahnig und noch kuhwarm, in Glaskrügen". Das Unheil, gegen das Pilgrim sich buchstäblich als Kühlerfigur aufbäumt, dräut in Gestalt eines Trucks, der auf schneeglatter Straße ins Schleudern kommt und Grace und ihre Freundin beim vorweihnachtlichen Ausritt auf die Hörner nimmt. Die beiden Überlebenden - der eine seelisch zerstört, die andere beinamputiert - werden in Montana synchron ins Leben zurückgeführt. Wo all die schönen Pferde grasen, wird Pilgrim, in "tiefster Seele ein gutes Pferd", durch die Hand des Herrn geheilt, das Mädchen reift zur jungen Frau. Am meisten aber profitiert Annie von der Pionier- und Pilgerfahrt gen Westen. Noch am Little Bighorn weinte sie schlaf-, vater- und haltlos, ja "sippenlos, wurzellos". Unweit davon, am Busen der Natur und bald auch an der Brust Toms, gewinnt die gefühlskalte Journalistin ihre Selbstachtung, das, was man neuerdings "emotionale Intelligenz" nennt, und endlich auch die Liebe ihrer Tochter zurück.

          Die Genesung geht nicht ohne Tränen und Küsse im "alles übertönenden Glanz des Mondes" ab. Weil seine Patienten bocken und er selber zaudert, dauert es vierhundert Seiten, bis der Pferdedoktor von der Gesprächs- und Verhaltens- zur "ereignisorientierten" Schocktherapie übergehen kann. So wie er das von Schuldkomplexen und Auto-Phobien geplagte Pferd in einem läuternden Kraftakt in die Knie zwingen muß, kann er auch den ähnlich traumatisierten Frauen peinigende Urszenen nicht ersparen. "Wer Schmerz leidet, der fühlt, und wo Gefühl ist, ist Hoffnung." Am Ende entspricht der "bebenden Berührung zwischen Pferd und Mensch" jener "wechselseitige Rhythmus" zwischen frustrierter Power-Frau und Marlboro-Mann, der sich bis zur "anhaltenden Implosion ihres Fleisches" steigert, so daß Annie nach vier Fehlgeburten mit dem gutmütigen Anwalt Robert endlich ein lebenstüchtiges Unterpfand der Liebe unterm Herzen nach Hause trägt.

          Der empfindsame, ewig jungenhafte Rittmeister erinnert dabei nicht zufällig an Robert Redford. Einmal, weil wir den Hollywood-Aussteiger in dieser Rolle demnächst im Kino sehen, nachdem er in Evans Buch, wie der Autor mitteilte, "Dinge sah, die niemand anderes gesehen hatte". Zum anderen, weil "Der Pferdeflüsterer" ein Melodram ist, wie es im Drehbuch steht, samt Regieanweisungen, lyrischer Kulissenmalerei und geschickten Parallelschnitten. Evans Erstling ist wie am Reißbrett durchkomponiert, aufgezäumt mit Leitmotiven, Kontrapunkten und Lagerfeuerlyrik. Seine Sprache stammt aus dem Gestüt Hemingway. So trabt der brave Gaul aus hektischen, von Mobbern und Schnöseln bevölkerten Redaktionsstuben hinaus auf die Prärie und bricht nur aus, wenn Evans ihm die Sporen der Kunst gibt, um philosophische Pirouetten zu drehen oder allzu kühne Metaphern ("Sie sah die Spitze eines großen Eisberges der Schuld vor sich aufragen") draufzusatteln. Keine Frage, "Der Pferdeflüsterer" ist eine politisch und ökologisch korrekte Heilsgeschichte und ein Naturmythos aus der Retorte.

          Das alles wußte der deutsche Verlag, als er für 850000 Mark die Katze im Sack erwarb. Redford und später auch der amerikanische Verlag Delacorte hatten für ihre Rechte an dem halbfertigen Manuskript je fünf Millionen zahlen müssen. Als das Buch immer noch als Zweihundert-Seiten-Exposé zirkulierte (das aber in 28 Sprachen), ließ sich sein Erfolg, wie die Bertelsmann-Pressechefin sagt, schon "gar nicht mehr verhindern". Der Roman galoppierte auf Platz drei der Bestsellerlisten: ein Husarenritt, der alle Stallburschen des Literaturbetriebs aufhorchen läßt. MARTIN HALTER

          Nicholas Evans: "Der Pferdeflüsterer". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Robben. C. Bertelsmann Verlag, München 1995. 411 S., geb., 44,80 DM.

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