https://www.faz.net/-gr3-6qajy

Rezension: Belletristik : Terror des Erinnerns

  • Aktualisiert am

Dubravka Ugresic beschreibt die unheilvolle Kultur der Lüge Von Karl-Markus Gauß

          3 Min.

          Eine europäische Anekdote: Im Frühjahr 1993 sitzt die aus Zagreb stammende Schriftstellerin Dubravka Ugresic in einem Antwerpener Restaurant, als ein Zigeunermädchen ihr einen Strauß Rosen verkaufen möchte. Gefragt, woher es komme, bezeichnet sich das Mädchen, das es vom Balkan nach Belgien an den Tisch einer kroatischen Autorin verschlagen hat, als "Jugoslawin". Aber Jugoslawien ist zu diesem Zeitpunkt schon blutig zerfallen. Ob sie also aus Serbien, Mazedonien, Bosnien, Montenegro komme? Nein, Jugoslawin sei sie, nichts anderes.

          Die wenig aufregende Begebenheit war für Dubravka Ugresic denkwürdig genug, daß sie in einem ihrer listigen und verzweifelten Essays, von denen nun zwanzig für die deutsche Buchausgabe gesammelt wurden, sich jenes heimatlosen Mädchens erinnerte, das in der Fremde so hartnäckig auf ihrer Herkunft aus einem verschwundenen Land beharrte: "Die über Europa verstreuten jugoslawischen Zigeuner sind heute offenbar die letzten Jugoslawen, und die übrigen Ex-Jugoslawen wurden inzwischen zu Obdachlosen, Flüchtlingen, Heimatlosen, Ausgestoßenen, neuen Nomaden, mit einem Wort - Zigeunern."

          Wie aus Jugoslawen Ex-Jugoslawen wurden und was mit Menschen geschieht, die zerbrechen sehen, was für ewige Zeiten gefügt schien, das suchen die Essays der eleganten Erzählerin und mutigen Publizistin zu ergründen. Immerhin, die Bewohner der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien hatten sich über die vierzig Jahre des "Titoismus" Freiheiten genommen, die in allen anderen Staaten des Ostblocks unerreichbar waren. Und noch vor wenigen Jahren hatte das alte Jugoslawien sich berufen gefühlt, den blockfreien Völkern aller Kontinente in die Freiheit voranzugehen.

          Wie verkraftet der einzelne es, daß geheiligte Wahrheiten über Nacht zu Verbrechen werden und der Zwangsinternationalismus von gestern heute als Verrat an der mythischen Ursubstanz des eigenen Volkes geächtet ist? Rettung aus der mißlichen Lage verheißt dem desorientierten Ex-Jugoslawen jene "Kultur der Lüge", die in den nunmehr verfeindeten Nachfolgestaaten gleichermaßen gepflegt wird und sich da wie dort auch der nämlichen Strategien bedient: "Der Terror des Vergessens hat einen parallelen Vorgang: den Terror des Erinnerns. Beide haben ihre Funktion beim Aufbau des neuen Staates, der neuen Wahrheit. Der Terror des Erinnerns soll die (angeblich ungebrochene) Kontinuität der nationalen Identität wiederherstellen, der Terror des Vergessens soll die jugoslawische Identität und jede Möglichkeit ihrer Erneuerung austilgen."

          Für Positionen, wie sie Dubravka Ugresic leidenschaftlich verficht, ist in ihrer Heimat das Wort von den "jugonostalgicari", von den verachtenswerten "Jugo-Nostalgikern" geprägt worden. Aber auch als "Hexe" und "Vaterlandsverräterin" fand sich die Autorin von der regierungsnahen Propaganda schon enttarnt, als für sie und vier andere kroatische Publizistinnen 1992 der nationale Pranger aufgestellt wurde. Zumal Dubravka Ugresic wurde damals mit einer beispiellosen Hetze überschüttet, hatte sie doch den Präsidenten Tudjman bei seinem Aufstieg so genau beobachtet, daß es tatsächlich schon an den Verrat nationaler Geheimnisse grenzen mochte.

          In ihrer Kritik ist Ugresic, die mit dem Roman "Der goldene Finger" bekannt wurde, frei von nationalem Dünkel, verteilt sie diese doch nach allen Seiten. Keineswegs bekräftigt sie zwar die zumal bei deutschen Intellektuellen populäre Auffassung, daß in den Schluchten des Balkans Täter und Opfer nicht auseinanderzuhalten wären und auch der Völkermord schön ausgewogen von allen seinen Seiten betrachtet werden müsse - daß der Zerfall des "multinationalen, multikulturellen, aber monoideologischen" Jugoslawien mit den brutalen serbischen Bestrebungen nach Hegemonie in die Wege geleitet wurde, steht auch für sie außer Frage. Und doch, gute Patriotin, die die Exilantin ist, grämt sie sich am meisten über die Fehler, schlimmer: die Verbrechen der eigenen, der kroatischen Seite, die sie darob nicht mehr als die ihre anerkennen möchte.

          Diese locker gefügten Essays wären schon deswegen lesenswert, weil sie erschreckend dokumentieren, zu welch schäumenden Exaltationen des Hasses Intellektuelle wie der serbische Autor Milorad Pavic fähig waren und wie reibungslos die Mobilmachung der serbischen wie der kroatischen Gesellschaft funktionierte. Dafür bietet Ugresic reichlich Belege auf, die einen wahrlich das Gruseln lehren, einen bitteren Witz, der die Zusammenhänge schlagartig erhellt, und die seltene Fähigkeit, historische Fakten mit alltäglichen Beobachtungen zu verknüpfen.

          Dubravka Ugresic: "Die Kultur der Lüge". Essays. Aus dem Kroatischen übersetzt von Barbara Antkowiak. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1995. 303 S., br., 24,80 DM.

          Weitere Themen

          Das Schweigen von Katyń

          Arte-Doku über Kriegsmassaker : Das Schweigen von Katyń

          Arte zeigt in einer Doku, wie Moskau jahrzehntelang die Verantwortung für das Katyń-Massaker an 4400 polnischen Militärangehörigen im Jahr 1940 ablehnte. Aber auch der Westen hatte seinen Anteil.

          Topmeldungen

          Er wedelt noch, sie merkelt schon: Habeck, Baerbock und die „Merkel-Raute“

          Heimlich für Merz? : Die Grünen hoffen auf Merkel-Stimmen

          Die Grünen wollen regieren. Das ginge mit einer Laschet-CDU leichter als mit einer Merz-CDU. Vor allem wollen sie jedoch stärkste Partei werden. Den Platz dafür in der politischen Mitte könnte eher Merz als Laschet schaffen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.