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Rezension: Belletristik : Taumelnder Meteor in einer Wolkennacht

  • Aktualisiert am

Hermann Kant hat auch einen Computer / Von Rolf Vollmann

          Es war ein furchtbares Gefühl, das mich beschlich, als in diesem Buch statt der Seite 33 noch einmal erst der Schmutztitel, dann der Titel, dann das Motto und dann vor allem noch einmal die Seiten 5 bis 32 erschienen; noch einmal also, dachte ich, und: wie steh' ich das durch? Und mir fiel ein, und der Albdruck wich, wie wunderbar das sein müßte, in einem Proust die ersten 32 Seiten noch einmal zu finden, noch einmal dies "Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen . . ."; oder noch einmal James, "Die goldene Schale": "Der Fürst hatte sein London geliebt, wann immer es zu ihm gekommen war."

          Ach, ich könnte mir leicht einen vorstellen, der nur Bücher sammelt, die so gedruckt sind, daß man die ersten Bogen, weil sie so schön sind, zweimal, ja dreimal lesen darf. Wo bist du jetzt in dem Buch, frag' ich ihn dann, und er sagt: noch einmal, noch einmal auf Seite 18, du weißt: "Die Allee war für die Dauer der Nacht aus dem Park zurückgekehrt, und ihr Zugang war in Dämmerung gehüllt. Jetzt trennten die sich entfaltenden weißen Fensterläden das Zimmer von der Dunkelheit draußen . . .", erinnerst du dich? Und ich, zum Dank, bin mit dieser Seite 16 da, weißt du noch: "Das einzig Feststehende im Raum war eine riesige Couch, auf der zwei junge Frauen wie auf einem Fesselballon in der Schwebe gehalten wurden"?

          Natürlich dürfte der Buchbinder dann auf gar keinen Fall zwei andere Bogen, oder eben etwa vier Bogen, weggelassen haben für die doppelt und dreifach vorhandenen - das aber ist nun wieder einzig der Trost bei diesem Buch hier: Er hat es getan, er hat auf den zweiten zweiten Bogen den fünften gebunden, und man merkt das gar nicht, denn die Seite 65 fängt mit was eingerückt Zitiertem an, ganz so, wie die Seite 32 aufhört und sehr gut die nun für immer verlorene Seite 33 hätte anfangen können. Aber das nützt dem Buch nichts mehr, wenn man zweimal durch diese ersten 32 Seiten hat gehen müssen.

          Nun ganz rasch, worum es sich in diesem Buch dreht: Der Autor Hermann Kant hat sich vor nicht allzu langer Zeit einen Computer gekauft, und jetzt schreibt er immer darauf. Bei seinem Computer handelt es sich um einen sogenannten IBM-kompatiblen, das heißt, Kant betreibt ihn mit DOS oder Windows, beides von der Firma Microsoft (ein bißchen, ein reichliches Bißchen ist dieses Buch auch eine schnurrige Werbung für diese Firma, etwa in dem Sinne, in dem die Käferfilme seliger Machart auch eine Werbung für Wolfsburg waren); als Schreibprogramm benutzt er "Word", natürlich hätte er da ebensogut was andres nehmen können, aber vielleicht wollte das der erste Sponsor nicht.

          Diese Schreibsysteme haben alle ein Rechtschreibprogramm, das, auf einen vom Benutzer geschriebenen Text angesetzt, diesen auf Fehler durchgeht. Das heißt, das Programm vergleicht jedes Wort, jedenfalls bei seinem ersten Auftauchen in diesem Prüfvorgang, mit einer eigenen Wortliste, bei Differenzen stoppt es den Vorgang ab mit dem Hinweis, dieses Wort im Text des Benutzers sei falsch geschrieben; wenn man das Programm darauf abfragt, mit welchen Wörtern es denn das inkriminierte Wort verglichen habe, dann gibt es diese Wörter an. Die Idee ist, daß man sich dann das Wort aussucht, das man eigentlich hatte schreiben wollen, und damit dann das falsch geschriebene Wort ersetzt. Das Problem besteht nun darin, daß die Wörterliste des Computers sehr begrenzt ist und daß er mitunter für Wörter, die er falsch findet, weil er sie nicht kennt, Wörter vorschlägt, die außer einigem Gleichklang kaum einen Zusammenhang haben mit dem Wort, das dem Benutzer vorgeschwebt hat.

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