https://www.faz.net/-gr3-uaed

Rezension: Belletristik : Tarzans Gier und Unbehagen

  • Aktualisiert am

Hemmungslos und streng genug: T. C. Boyles Roman "Riven Rock" / Von Michael Allmaier

          Stanley McCormick ist einunddreißig, als er zum ersten Mal die Stimmen seiner Richter hört. Seine Verbrechen sind unkeusche Gedanken. Seine Strafe ist es, sich selbst ein Gefängnis zu sein und in Reglosigkeit zu verharren, bis seine Zeit abgelaufen ist. Ein gerechtes Urteil, das sieht Stanley ein. Doch manchmal, wenn die Qual zu groß wird, entflieht er seinem Kerker und verflucht die Huren, die ihm das angetan haben.

          T. Coraghessan Boyle hat einen gewalttätigen Psychopathen zur Hauptfigur seines neuen Romans gemacht. Die Geschichte basiert auf einem authentischen Fall, der vor allem wegen seiner kuriosen Begleitumstände im Gedächtnis geblieben ist. Denn Stanley McCormick war ein Psychopath aus gutem Haus, der jüngste Sohn eines Fabrikanten aus Chicago, der durch die Erfindung einer Mähmaschine zu einem der reichsten Männer des Landes geworden war. So blieb ihm die Einweisung in eine Anstalt erspart. Statt dessen verbrachte er den Rest seines Lebens in "Riven Rock", einem protzigen Anwesen in Kalifornien mit Golfplatz und an die achtundfünfzig Angestellten.

          Hier setzt das Buch, das auch "Riven Rock" betitelt ist, ein. Es zeigt McCormick in seiner absurden Rolle als Gutsherrn und Gefangenen zugleich. Von 1908 bis zu seinem Tod 1947 sieht er nur seine Pfleger, wechselnde Ärzte, aber so gut wie niemals eine Frau. Denn der Anblick von Frauen vor allem ist es, der aus dem sanftmütigen, noch leidlich kultivierten Mann einen rasenden Irren macht.

          Hier liegt die Tragik der Geschichte. Denn Stanley McCormick liebt die Frauen, und besonders liebt er seine Frau. Und sie liebt ihn. Sie könnte ihn mit ihrer Liebe heilen, wenn die Aufpasser sie nur zu ihm ließen. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit reist sie aus Boston an. Jedes Jahr wird sie aufs neue abgewiesen und muß sich damit begnügen, ihren Mann von draußen mit dem Feldstecher zu beobachten.

          Nicht, daß sie zur Sentimentalität neigte. Katherine Dexter McCormick ist eine höchst resolute Frau und engagierte Vertreterin der Suffragettenbewegung. Als studierte Biologin hat sie selbst die Ärzte ausgewählt, die sie nun aussperren. Auch fehlt es ihr nicht an Verehrern, so daß bald niemand mehr versteht, warum sie dem offenkundig unheilbaren Stanley die Treue hält, der sie in seinen Wahnvorstellungen ohnehin als zügellose Ehebrecherin sieht.

          Der Roman ist in wechselnden Perspektiven erzählt. Die wichtigste Stimme neben Katherine und Stanley gehört dem Oberpfleger Eddy O'Kane, der, oft im wörtlichen Sinne, zwischen den beiden steht. Neun Jahre jünger als McCormick, zählt er auf seine Art zu den Lebenslänglichen auf Riven Rock. Er ist der Mann fürs Grobe, den man braucht, aber nicht respektiert; anders als seine tumben Gehilfen kommt er damit nicht zurecht. Bei jeder Gelegenheit flieht er aus dem goldenen Käfig in die Kneipen der Stadt, wo ihn niemand herumschubst und die Frauen mit ihren aufreizenden Blicken auf ihn warten. Das Schicksal seines Arbeitgebers färbt immer stärker auf ihn ab. Er trinkt und treibt sich herum, bis er eines Tages im Delirium die Richter sieht, von denen McCormick immer spricht.

          Sex ist ein Talent, das ich nicht habe." So steht es im Geleitwort, das Boyle bei Gabriel García Márquez entlieh. Es gibt keine Figur im Roman, auf die das nicht paßte. "Riven Rock" ist ein Buch über Hemmungen und Hemmnisse im Umgang mit der Lust. Es spielt in einem prüden Milieu, lastet ihm aber nicht die Schuld an der Deformation seiner Figuren an. Die Frage lautet, ob nicht menschliche Sexualität ein Widerspruch in sich sei.

          Der Literaturwissenschaftler Boyle schätzt es, in seinen Büchern klassische Stoffe auf den Kopf oder vielleicht eher auf die Füße zu stellen. Die Vorlagen reichten von "Sherlock Holmes" bis zu den "Früchten des Zorns". Nun ist anscheinend "Tarzan" an der Reihe. Der Unterschied ist nur, daß Stanley McCormick den umgekehrten Weg beschreitet. Ihm verhelfen Liebe und gute Erziehung vom Aristokraten zurück zum Wilden. Nicht zufällig richtet Dr. Hamilton, sein erster Arzt, auf Riven Rock sogleich ein Primatenforschungslabor ein. Nicht zufällig entwickelt er, statt McCormick zu behandeln, ein zunehmendes Interesse am Paarungsverhalten seiner Affen.

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Bei gewaltsamen Protesten gegen ein neues Arbeitsgesetz wurden mehr asl 50 Menschen festgenommen.

          Ungarn : Gewaltsame Proteste gegen Orbans neues Arbeitsgesetz

          Mehrere tausend Demonstranten protestierten dagegen, dass Arbeitgeber künftig bis zu 400 Überstunden im Jahr verlangen können. Die Opposition spricht von einem „Recht auf Sklaverei“. Mindestens 14 Menschen wurden verletzt, mehr als 50 festgenommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.