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Rezension: Belletristik : Strahlender Schattenkörper

  • Aktualisiert am

Aufzeichnungen von Elias Canetti

          3 Min.

          Am liebsten möchte man unentwegt zitieren. "Sein Brotberuf: Pessimismus. Dazu braucht er ein Haus." "Antwort ist Unfreiheit und darum falsch." "Das Kleinliche des Gedächtnisses." "Gott hält sich zu still, wie einer, der lauert. Worauf?"

          Nirgends war er zu Hause, Elias Canetti, dieser vielsprachige Abkömmling sephardischer Juden, geboren im damals türkischen, heute bulgarischen Rustschuk, aufgewachsen in Manchester, Wien und Zürich, wohnhaft in Wien, Paris, Frankfurt und Berlin, dann jahrzehntelang in London und am Ende wieder in Zürich, wo er, fast neunzigjährig, 1994 für immer die Augen schloss. Das Manuskript des vorliegenden Bandes mit Aufzeichnungen aus den Jahren 1973 bis 1984 hat er selbst noch zusammengestellt. Seine Sprache ist die eines Menschen, der stets mit dem Aufbruch rechnet. Nichts darf gemeißelt sein, alles muss wahrhaftig sein. Selbst diesen Teppich zieht er sich noch weg. "Unleidlich die, die sich immer für wahrhaftig halten."

          Bei Begriffen mochte er sich nicht beruhigen. "Könnte man noch auf sie beißen, um sie zu prüfen!" Sogar dagegen, dass wir dazu neigen, seine verrätselten Sätze als "Aphorismen" zu bezeichnen, hat er etwas gehabt. "Jetzt heißen seine Gedanken Aphorismen, ein Name wie von Prokrustes." Alles soll neu sein, frei, einmalig, selbst gedacht, frisch gedacht, Ordnung störend. "Die Abneigung gegen Systeme entspringt einem Gefühl des Verlusts. Immer geht etwas verloren, wenn ein System sich schließt. Was es abstößt, erweist sich später oft als das Wichtigste."

          Canetti ist der Hirte jener verlorenen Schafe, die kein Systemstall haben will. Keiner Begütigung zugänglich, will er aushalten in einer Welt des Schreckens, das Erkenntnisleid ertragen und auf Logopharmaka verzichten. Lieber verrückt vor Schmerzen als komfortabel vernünftig. "Dem Geist, der sich's gerichtet hat, traut man nicht. Man traut Hölderlin, der seinen Geist mit vierzig Jahren Wahnsinn bezahlt."

          Gedanken, die kein System bedienen und nirgends hineinpassen wollen, können nicht eingängig sein. Canetti bezahlt für seinen radikalen Anspruch mit Ungemütlichkeit. Er bietet seinen Lesern keinen Stuhl an, von Kaffee und Kuchen zu schweigen. Er lässt sie Nüsse knacken, bis die Kiefer krachen. Auf Rätsel folgen Paradoxe, auf kryptische Autobiographica komprimierte Werkpläne, auf Dunkelheit verschlossene Umschläge, deren Inhalt nur er selber kennt. Gern versteckt er sich auch hinter Fiktionen, benutzt das Er lieber als das Ich, so dass man bald nicht mehr weiß, wer Er ist und wer Ich. "Er hasst sich, dieses Zufallsbündel von allem, was seit achtzig Jahren auf ihn einwirkt." Er ist ein Denkspieler mehr als ein Weisheitslehrer - was anregend ist, denn er schickt den Leser auf den Weg, anstatt ihn mit Lehren satt und sesshaft zu machen. Er notiert vieldeutige Kürzestgeschichten zum Selberausmalen: "Einer, der im Mutterleib berühmt wird und sich in einem langen Leben danach nie wieder einholt."

          Er liebt Hölderlin, Kafka, Musil, Jean Paul, Lichtenberg. Er liebt nicht Goethe (sonderbar, "dass Goethe nicht erstickt ist"), nicht Sartre ("Er hatte sofort eine Antwort, sie bestand schon vor der Frage"), nicht Wagner ("ein eigentliches Unglück der Deutschen") und nicht Thomas Mann ("Musil wird noch da sein, wenn über Thomas Mann gegähnt wird") - wobei er in letzterem Falle auf die polierte Außenhaut eines gekonnten Werks hereinfällt, die doch nur eine Mauer ist, von der Scham errichtet, um ein Versteck für Pein und Schmerz zu haben. Aber auf nichts reagiert Canetti so empfindlich wie auf falsche Versöhnung. Wenn Licht und Wärme lügen können, dann darf man nicht Sonne sein wollen, dann ist es besser, ein Schwärze ausstrahlender Schattenkörper zu sein, der alles Licht und alle Wärme verschluckt.

          Canetti wäre der geborene Nihilist, wenn der Nihilismus nicht heute gemütlich und banal zu werden drohte. Deshalb will der verkehrte Prophet doch lieber noch einmal Hiob sein, der seinen Gott in die Schranken fordert - "Gott, wie hast du deine Schöpfung ausgehalten?" - und mit ihm redet, als wäre er, und zugleich, als wäre er nicht. "Er macht mich aus. Ich weiß nicht, wer er ist. Schon gar nicht würde ich ihn Gott nennen." Canetti stellt die alten Fragen nicht, um Ruhe zu finden, sondern um Unruhe zu verbreiten, weil sie heute mehr verstörende Kraft haben als die allgegenwärtige Philisteraufgeklärtheit. Ohne um seinen Ruf als Denker zu bangen, fragt er nach der Seelenwanderung ("Für die Wiederbegegnung mit einem Toten wäre ich auch zur abscheulichsten aller Vorstellungen, der einer Seelenwanderung, bereit"), nach der Bibel ("Die Bibel lesen - mit Maßen. Sie ist zu verführerisch") und immer wieder nach dem Tod, den er hasst in allen seinen Formen. Er schreibt und liest gegen ihn an. Er kauft sich unendlich viele Bücher, in der Hoffnung, dass der Tod ihn nicht holen könne, bevor sie gelesen seien. "Mit der größten Unverfrorenheit sage ich mir laut, dass diese unberührten Bücher mich nicht fortlassen werden . . ."

          HERMANN KURZKE.

          Elias Canetti: "Aufzeichnungen 1973 bis 1984". Carl Hanser Verlag, München und Wien 1999. 120 S., geb., 26,- DM.

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