https://www.faz.net/-gr3-39im

Rezension: Belletristik : Sten Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit

  • Aktualisiert am

Langsamkeit ist nicht Stillstand. Aber wie schnell ist dann Langsamkeit? Wo hört sie auf? Wo fängt sie an? Und kann man dann immer noch erfrischenden Fahrtwind spüren?Fragen über Fragen, von denen man seit fast zwanzig Jahren glaubt, daß in diesem Buch gründlich darüber nachgedacht wird. Das muß man ...

          Langsamkeit ist nicht Stillstand. Aber wie schnell ist dann Langsamkeit? Wo hört sie auf? Wo fängt sie an? Und kann man dann immer noch erfrischenden Fahrtwind spüren?

          Fragen über Fragen, von denen man seit fast zwanzig Jahren glaubt, daß in diesem Buch gründlich darüber nachgedacht wird. Das muß man auch glauben, wenn man sich den Titel noch einmal auf der Zunge zergehen läßt: "Die Entdeckung der Langsamkeit". So könnte ein Buch heißen, das den soziokulturellen Problemen von veränderter Lebensgeschwindigkeit unerschrocken ins Auge sieht und laut dazu aufruft, sich der Geißel der Geschwindigkeit nicht zu ergeben. Ein Stück Zivilisationskritik.

          Tatsächlich ist Nadolny etwas ganz Erstaunliches gelungen: die Langsamkeit von ihrem muffigen Image zu befreien. Sein Buch ist zugleich Historiengemälde, Seefahrerroman, Aussteigerroman und Liebesgeschichte, aber dieses Vielerlei steht dem Roman gut zu Gesicht, weil das Recht, die Welt in einer eigenen Geschwindigkeit zu entdecken, darin wie nebenbei eingeschmuggelt ist.

          Nadolny erzählt von dem britischen Seefahrer und Polarforscher John Franklin, der tatsächlich von 1786 bis 1847 gelebt hat und bei dem Versuch, die Nordwestpassage durch das arktische Archipel auszukundschaften, ums Leben kam. Die historischen Quellen sind gut studiert, für den eisernen Willen des Forschers hat Nadolny eine eigene Erklärung gefunden: Franklin schaltet zu langsam. Seine Augen und Ohren halten jeden Eindruck zwecks genauer Überprüfung auf, bevor sie das Signal ans Hirn weiterleiten. Er nimmt die Dinge erst wahr, wenn sie schon vorbei sind, er kann als Kind beim Spielen den Ball nicht fangen und er antwortet auf Fragen erst dann, wenn es längst zu spät ist.

          Damit ist er eine in der Literatur schon bestens bekannte Figur: ein Außenseiter. Außenseiter müssen aussteigen, um sich selbst zu erkunden. Auch Franklin macht sich auf den Weg, heuert auf einem Schiff an, lernt, lernt das ganze Schiff auswendig, um keine Antwort mehr schuldig zu bleiben, und begreift im Umgang mit Kompaß und Chronometer, daß seine scheinbare Begriffsstutzigkeit nichts anderes ist als eine übergroße Sorgfalt des Gehirns. Seine Langsamkeit kehrt sich in große Ruhe um. Diese Ruhe ist es, die Nadolny auskostet, so daß man gar nicht begreifen kann, wie er daraus zugleich soviel Spannung erzeugen kann.

          1980 erhielt Sten Nadolny für das fünfte Kapitel des Romans den Ingeborg-Bachmann-Preis. Vierzehn mußte er danach noch schreiben, bis der Roman erscheinen konnte. Ein Debütwerk, in dem der Leser mit erzählerischer Souveränität bis an eine finis terrae mitgenommen wird. Und der letzte Roman einer Epoche, in der noch nicht an den Grenzen der Sprache alle Beschleunigung gesucht wird.

          sik

          Weitere Themen

          Üben Ermittler an Schaufensterpuppen?

          Tatort-Sicherung : Üben Ermittler an Schaufensterpuppen?

          In Hanns von Meuffels letztem „Polizeiruf“ übt die nächste Ermittler-Generation mit Bühnenrequisiten und wird über die Kennzeichen von Pornografie aufgeklärt. Ist so viel Realismus realistisch?

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Kultur willkommen

          Meineckes Amerika-Bild : Kultur willkommen

          Zur Dreihundertjahrfeier der Harvard Universität reiste der Historiker Friedrich Meinecke 1936 nach Amerika. Ein Reisebericht aus dem Privatarchiv hält das ungewöhnliche Aufeinandertreffen zweier Kulturen fest.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.