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Rezension: Belletristik : Spurenlese

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Hanna Kralls Existenzbeweise Von Karl-Markus Gauß

          In einer der zehn bewegenden Erzählungen ihres neuen Buches "Existenzbeweise" reflektiert Hanna Krall, die seit Jahren den verschlungenen Wegen polnischer Juden in diesem Jahrhundert nachspürt, über ihre Arbeitsweise: "Meine Arbeit als Reporterin hat mich gelehrt, daß logische Geschichten, die keine Lücken und Ungereimtheiten haben, in denen alles verständlich ist, unecht sind. Dinge, die man sich nicht richtig erklären kann aber, die ereignen sich wirklich." So sind es auch in diesem Band die unfaßlichen Dinge, die sich als die wahren erweisen, indes das Wahrscheinliche als brüchig, als Täuschung, Lebenslüge kenntlich wird. Und erzählt Hanna Krall auch wie immer in zurückgenommenem Ton, lapidar, mit gelegentlich aufblitzender Ironie, streng, kühl und sparsam, stellt sich doch eine Verzauberung ein, die, wie das bei Märchen ist, ihren Schrecken hat und das unbegreiflich Böse kennt.

          Wenn oft gesagt wurde, daß sich die brillante Reporterin Krall auch in ihrem literarischen Werk dicht an die Fakten hielte, war das eine ganz unzulässige Vereinfachung. Sie hält sich nicht an die Fakten, sondern sucht - wie im deutschen Sprachraum einzig Erich Hackl mit vergleichbarer Energie - die vergessenen, verdrängten, verborgenen, verleugneten Fakten erst aufzufinden. Dazu ist geduldige Recherche nötig, die sie mit einer Vielzahl von Menschen zusammenbringt, deren Lebensschicksale wiederum auf eine ihnen oft selber unbekannte Weise miteinander verwoben sind.

          Indem sie alle Kenntnisse, die sie sich als Expertin für die polnisch-jüdische Geschichte nach und nach erarbeitet hat, und alle ihre Fähigkeiten als Reporterin immer wieder und für Monate auf die Biographie eines einzigen Menschen bündelt, greift Hanna Krall in das Leben vieler ein. In gar nicht so wenigen Fällen hat ihre literarische Befragung ihrerseits wieder auf das Leben der Befragten zurückgewirkt, ja es dramatisch verändert.

          In "Existenzbeweise", das von Esther Kinsky schon im Jahr der polnischen Ausgabe ins Deutsche übersetzt wurde, setzt sich die Autorin mit Menschen auseinander, die sich durch die grausamen Ereignisse der Kriegsjahre ihrer Identität nicht sicher sein können und daher verdammt sind, Beweise für ihre Existenz zu suchen. Hanna Krall sichtet diese Beweise nicht nur, sie sucht sie auf ihre andere Weise zu ergänzen, zu untermauern oder auch zu widerlegen; die Wahrhaftigkeit ihrer Suche kann mit der Suche ihrer Protagonisten durchaus kollidieren - denn deren verzweifelte Bemühungen, Klarheit über die eigene Identität zu erlangen, mögen in die Irre führen oder von verständlicher Selbsttäuschung angetrieben sein.

          Es sind Menschen, die im Alter von fünfzig Jahren am Sterbebett ihrer Eltern erfahren, daß sie nicht deren leibliche Kinder sind. Irgendwann im Jahr 1942, da im Lande der Holocaust exekutiert wurde, haben diese jetzt sterbenden polnischen Katholiken von einer jüdischen Frau, die auf den Weg ins Ghetto, in die Züge der Vernichtung, zur Hinrichtungsstätte getrieben wurde, ein Kleinkind zugeschoben, zugeworfen bekommen - und dieses Kind angenommen, vor Verfolgung verborgen, katholisch erzogen und behütet aufwachsen lassen. "Die polnischen Eltern der jüdischen Kinder sterben allmählich. Über fünfzig Jahre ist es her, daß sie sie fanden - an den Gleisen, über die der Zug fuhr, am Rand des Weges an der Ghettomauer, wo die Juden entlang gehetzt wurden, oder in den Büschen."

          Fünfzigjährig mit dem ungeklärten Geheimnis ihrer Herkunft konfrontiert, stürzen diese Menschen aus allen Sicherheiten. Sie martern sich nach Erinnerungen, die in die Zeit vor ihrem bewußten Leben zurückreichen, glauben endlich, Bilder zu sehen, die sie im Kreise anderer Menschen zeigen. Sie suchen nach alten Fotos, gehen in Archive, suchen nach der leiblichen, der ermordeten Mutter, deren letzte Tat es einst war, sich von dem eigenen Kind zu trennen, es, den sicheren Tod vor Augen, im Ungewissen zurückzulassen, in einem Gebüsch zu verbergen, über eine Mauer zu werfen.

          Was Hanna Krall, die solchen Schicksalen nachgespürt hat, zu erzählen weiß, ist so unfaßlich wie wahrhaftig. Sie entdeckt Verbindungen, die wie pure Phantasterei anmuten und die sich doch als unleugbar richtig herausstellen, sie zeichnet Lebenswege nach, die durch das Grauen führten und sich von ihm niemals wirklich zu entfernen vermochten. Mit Anteilnahme, doch unbestechlich, zeigt Hanna Krall Menschen, die verzweifelt um ihre Identität ringen. Die einen suchen nach den Wurzeln ihres Judentums, um einen Beweis für ihre Existenz zu haben; die anderen erfinden sich eine jüdische Herkunft, um sich in eine andere Geschichte einzuordnen; die dritten schließlich wissen, wer sie sind, aber es wird ihnen niemals gelingen, ihre Herkunft zu belegen.

          In ihrer meisterhaften Collagetechnik, die Zeiten und Schicksale miteinander verknüpft, hat Hanna Krall ein aufwühlendes Werk voll Güte und Wahrhaftigkeit verfaßt, das sich dort, wo beides nicht in eins fallen kann, stets für die schmerzende Wahrhaftigkeit entscheidet.

          Hanna Krall: "Existenzbeweise". Sieben Erzählungen. Aus dem Polnischen übersetzt von Esther Kinsky. Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main 1995. 201 S., geb., 38,- DM.

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