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Rezension: Belletristik : Spocks Ahnen

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Kurd Laßwitz, der Erfinder des Weltalls / Von Joachim Kalka

          Kurd Laßwitz - ein exemplarisch gutbürgerliches Leben im langen neunzehnten Jahrhundert: Geburt 1848 in Breslau (Vater Fabrikant und viele Jahre demokratischer Abgeordneter im Preußischen Landtag), Gymnasium, Studium der Mathematik und Physik, 1871 im Kriege, 1873 in Breslau promoviert, Laufbahn als Gymnasiallehrer, die ersehnte Universitätskarriere bleibt versagt (trotz einer Leistung wie den zwei Bänden der "Geschichte der Atomistik vom Mittelalter bis Newton" 1890), gestorben 1910 als herzoglicher Hofrat in Gotha. (Dort liegt auch der Nachlaß.) Daß an diesem Leben - so gemütlich der Erzähler in manchen Geschichten Laßwitz' im Salon thronen mag - vieles als Enge und Beschwernis empfunden wurde, macht die den bürgerlichen Beruf wunderlich konterkarierende Literaturproduktion wohl deutlich sichtbar. Laßwitz ist der erste deutsche Autor, der sich eindeutig in die Geschichte der Science-fiction einordnen läßt, seine Texte schweifen weit fort und heißen in ihren Untertiteln gerne etwa "aus dem vierundzwanzigsten und neununddreißigsten Jahrhundert".

          Laßwitz war ein Anhänger der Philosophie von Gustav Fechner, dessen Biographie er schrieb und dessen Schriften er herausgab. Diese sogenannte Psychophysik, eine Lehre von der Beseelung der gesamten Natur in all ihren Formen, ist die direkte Voraussetzung für viele seiner Fiktionen - etwa "Aspira. Der Roman einer Wolke" (1905) oder "Sternentau. Die Pflanze vom Neptunsmond" (1909). Ein Text wie "Homchen. Ein Tiermärchen aus der oberen Kreide" (in "Nie und immer", 1902) bietet ein interessantes Vergleichsstück zu unserer gegenwärtigen Dinomania: Hier fällt die Heldenrolle einer Art von kleinem Beuteltier zu, das in einer Welt der Riesenwesen geschickt zu überleben versteht. Vieles an diesen Büchern ist schön; legt man allerdings die Imaginationen des Zeitgenossen Paul Scheerbart daneben (den "Lesabéndio" etwa oder "Die Seeschlange"), hat man den Unterschied zwischen einem großen Phantasten und einem dichterisch dilettierenden Naturwissenschaftler. Man hört in Laßwitz' Texten oft den Vollbart rauschen, vor allem wenn ein Humor von gravitätischer Munterkeit losgelassen wird; die Vorliebe des Autors für das Didaktische ist kaum zu zügeln, und als Erhabenstes von der Welt erscheint allzuoft der deutsche Ordinarius.

          Und doch verfügt Laßwitz über einen Ehrentitel, der bei genauem Hinsehen ehrlich verdient ist: Seine Bücher wurden während der Herrschaft des Nationalsozialismus verboten. Wohl weniger, weil sie in allen kosmischen Maskierungen nie ganz die Herkunft aus der (epigonalen) bürgerlichen Aufklärung verleugneten, sondern weil sie Achtung vor dem Leben in allen seinen Verkörperungen zum Ausdruck brachten, nicht nur vor seinen großen, starken, heroischen Formen - was für das Denken der Nazis die vielleicht unangenehmste Blasphemie war.

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