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Rezension: Belletristik : Sonnenstaat am FKK-Strand

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Späte Kühnheiten: Peter Jakubeit verläuft sich im "Katzenwald"

          3 Min.

          Der Fliehende, der auf der ersten Buchseite in den Fluß springt, in dem er am Ende des Romans als Leichnam wieder auftauchen wird, trägt zu Jeans und Windbluse eine Baskenmütze nach Art von Che Guevara - mit fünfzackigem roten Stern. Man hätte ihn gut und gerne für einen jener Studenten halten können, die noch im selben Jahrzehnt auf den Straßen von Paris oder in West-Berlin revoltieren werden, teilt uns Peter Jakubeit über den zu früh gestorbenen Achtundsechziger aus dem Lande "östlich der Werra" mit. Es ist Hans-Heinrich, an den sich einige DDR-Leser möglicherweise noch aus "Die Krallenwurzel", einem anderen Buch des Autors, erinnern.

          Erinnern müssen. Denn sein Erscheinen im Rostocker Hinstorff-Verlag soll im Jahr 1979 Aufsehen erregt haben, wie der Dr. Ziethen Verlag aus Oschersleben mitteilt, der jetzt unter dem Titel "Der Katzenwald" die Fortsetzung druckte. Im "Ersten Buch der Trennungen", wie es damals im Untertitel hieß, war Hans-Heinrich noch Schüler im Städtchen "Meisberg" an der "Suhle" hellem Strande gewesen und hatte sich tüchtig ins Zeug legen müssen, um Marlies für sich zu gewinnen. Im Fortsetzungsband erwartet ihn die Freundin an einem heißen Julimorgen "des einundsechziger Sommers vor dem Jahr 2000" am Kasernentor. Die Armeezeit ist für Hans-Heinrich zu Ende. Vor ihm liegen die Ostsee, das Studium, die Zukunft.

          Nach sechs Jahren ist alles aus. Verfolgt von Polizisten und Spürhunden, geht der abgebrochene Philosophiestudent, zwischenzeitliche Hilfsarbeiter und Kulturhausleiter im Fluß der Zeit unter. Ehe ihn die Strudel hinabziehen, erschaut er noch die höhere Sphäre, "bevölkert von den klügsten und bedeutendsten Menschen aller Zeiten". Unter ihnen im himmlischen "Katzenwald" geht auch der "weißbärtige Geistesriese", dessen Schriften Hans-Heinrich auf Erden studierte. Marxismus-Leninismus, verhieß die Lehrformel, ist gleich: "Sozialismus plus Partei plus Staat". Die Praxis sah nicht nur anders aus, sondern führte auch den Antifaschismus des "besseren Deutschland" ad absurdum - in Gestalt des Meisberger SED-Obersten, der einem gewesenen SS-Mann täuschend ähnlich sah.

          Wie man der Vita des Autors entnehmen kann, hat auch er Anfang der sechziger Jahre ein Philosophiestudium abgebrochen und sich danach mit Hilfstätigkeiten durchs Leben geschlagen, ehe er Theater- und Filmwissenschaften studierte und ab 1971 als Dramaturg beim DDR-Fernsehen und der DEFA arbeitete. Was Hans-Heinrich widerfährt, hat Jakubeit möglicherweise so oder so ähnlich selbst erlebt. Eher so ähnlich. Denn mit dem entschlossenen Willen zur grotesken Übersteigerung gestaltet er ein Panoptikum, in dem nichts ist, wie es war, und alles so, daß der gelernte DDR-Leser schon weiß, was gemeint ist, wenn etwa ein Nationalpreisträger (NPT) als TNP aufgerufen (Träger des Nationalen Preises) wird.

          Derb-dreist soll die Sprache sein, beißend die Satire. Vom Narrenschiff "VORWÄRTSZUM" landen wir am Ostseestrand, wo es im "Sonnenstaat" freizügig drunter und drüber geht. Das vor allem bewegt Hans-Heinrich: "schwellende Lippen", "heiße, straffe Haut", "Brustspitzen" . Sonst regt sich nicht viel, jedenfalls kein Zweifel - weder beim Kampf gegen die West-Antennen ("Runter mit dem Ochsenkopf!") noch beim Mauerbau. "Ihr seid die geistige Elite der ganzen zivilisierten Welt", hört er als Student in Leipzig vom berühmten Rektor "Sauf-Weiber-und-Huren-Dreyer".

          Wenn dergleichen ein Gelehrter sagt, der schon zu Zeiten der Weimarer Republik als Genie galt, "dann mußte es wohl wahr sein, dachte Hans-Heinrich". Leider wird ihm im Hörsaal 40 nicht auf die Sprünge geholfen, denn unser Held verabsäumt es, den "Literaturprofessor Leyer" (Hans Mayer) zu hören. Auch vom Philosophen "Blech" und dessen Werk "Prinzip Öffnung" ist nur die Rede, während andere Szenen aus dem universitären Leben oder etwa der Poppenberger Kulturrevolution in geißelnder Ironie ausgemalt wurden. Spätestens die verklausulierte Leiche im Keller des Meisberger Antifaschismus hätte endlose Lektorenverhandlungen nach sich gezogen.

          Falls das Buch noch zu DDR-Zeiten fertig geworden wäre. Doch es lag 1988/89, wie der Autor mitteilt, erst in der Rohfassung vor. Zehn Jahre später erscheinen seine wortreichen Kühnheiten nur noch wie ein Mantel, der die literarische Blöße nicht verdecken kann.

          SIEGFRIED STADLER.

          Peter Jakubeit: "Der Katzenwald". Zweites Buch der Trennungen. Roman. Dr. Ziethen Verlag, Oschersleben 2000. 415 Seiten, geb., 39,80 DM.

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