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Rezension: Belletristik : Sonnen sammeln

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          3 Min.

          Als 1976 in Argentinien die Generäle putschten, verließ neben vielen anderen auch der Dichter Juan Gelman sein Land und ging nach Mexiko. Sein zwanzigjähriger Sohn und seine Schwiegertochter wurden in Buenos Aires auf offener Straße entführt und ermordet: erschossen und einbetoniert der Sohn, seine hochschwangere Frau nach Uruguay verschleppt und dort, kaum dass sie ihr Kind geboren hatte, getötet. Noch heute ist Juan Gelman auf der Suche nach seinem unbekannten Enkelkind, das mittlerweile dreiundzwanzig Jahre sein muss und damals einer Familie im Umfeld der Militärs zur Adoption übergeben wurde (F.A.Z. vom 31. Januar).

          Dass die Büttel des Regimes sich die Säuglinge der von ihnen ermordeten Frauen griffen, um sie an kinderlose Offiziere zu verschenken, war keine Seltenheit. Erich Hackl hat in "Sara und Simon" einen solchen Fall exakt recherchiert und gezeigt, welche politischen, psychologischen, moralischen Fragen sich aus ihm ergeben. Juan Gelmans Appell an den uruguayischen Präsidenten, endlich das seine zu tun, dass der Verbleib des geraubten Kindes aufgedeckt werde, haben mittlerweile Tausende von Künstlern in aller Welt unterzeichnet.

          Nach seiner Flucht, in der "äußersten Einsamkeit des Exils", hat dieser jüdische Intellektuelle, der politisch immer eine Galionsfigur der Linken war, literarisch etwas höchst Merkwürdiges unternommen. Während ihn die Diktatur nötigte, ihr in Pamphleten und Aufrufen publizistisch entgegenzutreten, eignete er sich dichterisch das alte Spanisch des sechzehnten Jahrhunderts an. Zwei heute legendäre Gedichtbände zeugen von dem Dialog, in den der lateinamerikanische Exilant mit der in Zeit und Raum so weit entrückten Sprache des mythischen Mutterlandes trat. In einem dritten Buch suchte Gelman noch ein Stück weiter zu den sprachlichen Wurzeln seiner Existenz zurückzugehen, bis zu jener Kreuzung, an der sich das Sephardische, die Sprache der spanischen Juden, vom Spanischen trennte.

          Gelman ist nicht der einzige lateinamerikanische Autor, der sein sephardisches Erbe entdeckt hat. In Brasilien veröffentlichte zuletzt etwa Leonor Scliar-Cabral ihre "Memórias de Sefarad", in denen sie die Volkslieder ihrer namenlosen Vorfahren in einem modernen brasilianischen Portugiesisch zum Klingen brachte. Gelman hat sich gerade im Exil des Sephardischen besonnen, weil "die sephardische Syntax mir eine verlorene Reinheit zurückgab, eine Zärtlichkeit anderer Zeiten, die lebendig ist und deshalb voller Trost". Dass sich ein Autor, den man gerne mit dem Etikett "engagiert" versehen hatte, so entschieden auf die Sprache, auf die "Wurzeln in der Sprache" konzentrierte, hat jedenfalls viele seiner Leser bis heute nicht zu irritieren aufgehört; denn Gelmans sephardische Gedichte, geschrieben in einer Zeit der Verfolgung, verweigern sich der Politik und Aktualität, sind strenge poetologische Gedichte, die den Akt des Schreibens, den sprachlichen Schöpfungsvorgang, die Existenz in der Sprache und durch die Sprache feiern.

          Dass diese Gedichte jetzt auch auf Deutsch zu lesen sind - in einer prächtigen dreisprachigen Ausgabe, die außer der deutschen Übersetzung das sephardische Original und die spanische Übersetzung durch den Autor aufbietet -, ist das Verdienst von Tobias Burghardt. Der Stuttgarter Lyriker und Übersetzer hat mit Roberto Juarroz, einem Argentinier von geradezu hermetischer Gelehrsamkeit, oder dem guatemaltekischen Maya-Dichter Humberto Ak'abal schon einige Autoren auf Deutsch präsentiert, die für kaum übersetzbar galten. "Dibaxu, Debajo, Darunter" ist ein Zyklus von neunundzwanzig Liebesgedichten, wobei hier nicht nur die Liebe zwischen zwei Menschen, sondern auch das Verhältnis des Menschen zu seiner Sprache, des Autors zum Sephardischen gemeint ist. Im einen wie im anderen Falle ist die unio mystica das Ziel dieser Liebe, die Verschmelzung, die die Grenzen zum geliebten Menschen, zur geliebten Sprache aufhebt.

          Dabei scheint es geradezu den Stimmungen der Lektüre, den Erfahrungen der Leser überlassen zu sein, ob sie im lyrisch beschworenen Du die Geliebte oder die Sprache erkennen möchten: "du sagst Wörter mit Bäumen / sie haben Blätter die singen / und Vögel / die Sonne sammeln". Es ist die von Gelman im Vorwort selbst erwähnte "ternura", die "Zärtlichkeit", die sein Bild der Sprache wie der Geliebten bestimmt. Indem sich der Einzelne überschreitet, erfährt er die Welt neu, und in der Hingabe wird ihm die Welt zum Geschenk: "was du mir gegeben hast / ist Sprache die zittert / in der Hand der Zeit / offen zum Trinken". Dieses Geschenk lässt ihn sowohl seine eigene Geschichtlichkeit erfahren, seine Verbundenheit mit den Generationen, die dahingegangen sind, als auch für den Augenblick des Glücks empfänglich werden: "dich lieben ist dies: / ein Wort das gerade gesagt wird".

          KARL-MARKUS GAUSS

          Juan Gelman: "Dibaxu, Debajo, Darunter". Aus dem Sephardischen ins Spanische übersetzt von Juan Gelman. Aus dem Sephardischen und Spanischen ins Deutsche übersetzt von Tobias Burghardt. Edition 350 im Verlag der Kooperative Dürnau, Dürnau 1999. 80 S., br., 25,- sFr.

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